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Zwischen Schutzzeichen, Sternbild und Verdacht

Aberglaube im Mittelalter: Überlieferung und Wirklichkeit

Mittelalterliche Menschen trennten nicht einfach zwischen vernünftiger Religion und irrationalem Aberglauben. Sie verhandelten, welche Hilfe von Gott, aus der Natur oder von verbotenen Mächten kommen sollte und wir sehen diese Welt meist durch Quellen, die selbst Grenzen ziehen wollten.

Ein spätmittelalterlicher Tierkreismensch mit astrologischen Zeichen an verschiedenen Körperteilen
Kein Fantasy-Zauber, sondern gelehrte Körperkunde: Der ‚Tierkreismensch‘ verbindet Astrologie und Medizin · Wales, 1488–1498 · National Library of Wales · CC0

Wer nach „Aberglaube im Mittelalter“ sucht, findet schnell schwarze Katzen, Hexen und düstere Rituale. Das ist eingängig, aber historisch zu grob. Schon das Wort Aberglaube setzt eine Grenze: Jemand erklärt einen Glauben oder eine Handlung für falsch.

Deshalb fragt dieser Artikel nicht nur, was Menschen taten. Er fragt auch, wer darüber urteilte, welche Wirkung erwartet wurde und wie zuverlässig unsere Quellen sind. Erst dann werden Schutzzeichen, Heilzauber, Astrologie, Dämonen und Hexenvorwürfe verständlich.

Die schnelle Antwort„Aberglaube“ war keine feste Schublade, sondern eine umkämpfte Grenze.
01

Glaube

Gott, Heilige, Wunder, Engel und Dämonen gehörten für viele Menschen zu einer christlich geordneten Wirklichkeit.

02

Schutz

Gebete, Segen, Reliquien und geweihte Dinge galten als erlaubte Hilfen. Ihre richtige Verwendung blieb wichtig.

03

Magie

Sprüche, Zeichen, Wahrsagung oder beschworene Mächte konnten als unerlaubt gelten, ohne eine einheitliche Kategorie zu bilden.

04

Vorwurf

Was eine Person praktizierte und was Gegner ihr zuschrieben, ist nicht dasselbe. Viele Quellen sprechen mit der Stimme der Ankläger.

Ein moderner Sammelbegriff

Was heute Aberglaube heißt, war im Mittelalter keine einheitliche Welt

Mittelalterliche Autoren verwendeten lateinische Wörter wie superstitio, sortilegium oder magia. Diese Begriffe überschnitten sich, meinten aber nicht immer dasselbe. Sie konnten eine unerlaubte religiöse Praxis, Wahrsagung, schädlichen Zauber oder gelehrte Beschwörung bezeichnen.

Der deutsche Sammelbegriff „Aberglaube“ darf diese Unterschiede nicht verdecken. Für einen Bischof konnte eine Handlung falsch sein, die eine Familie als bewährten Schutz kannte. Ein Arzt konnte Sterne als Teil seiner Körperlehre berücksichtigen, während ein Theologe bestimmte Vorhersagen zurückwies. Und nicht jede dämonische Darstellung beschrieb ein Alltagsritual; sie konnte eine moralische Botschaft sichtbar machen.

01ca. 500–1000

Frühmittelalter

Kirchliche Autoren verurteilten Wahrsagung, bestimmte Heilrituale und ältere Bräuche. Wiederholte Verbote zeigen einen Anspruch auf Ordnung, aber keine vollständig kontrollierte Praxis.

02ca. 1000–1250

Hochmittelalter

Übersetzungen, Universitäten und neue Bücher erweiterten Medizin, Astrologie und Naturkunde. Gelehrte diskutierten genauer, welche Wirkungen natürlich, erlaubt oder dämonisch seien.

03ca. 1250–1500

Spätmittelalter

Ritualmagische Texte, Astrologie und kirchliche Kritik sind dichter überliefert. Im 15. Jahrhundert verdichteten sich einzelne Magievorwürfe zum neuen Bild einer organisierten Hexensekte.

Erlaubt, geduldet oder verurteilt?

Nicht die äußere Handlung allein entschied über das Urteil

Zwei Menschen konnten ähnliche Dinge tragen und sie völlig verschieden erklären. Ein Kreuz konnte an Christi Schutz erinnern. Eine beschriftete Kapsel konnte ein Gebet enthalten. Ein anderes Zeichen sollte angeblich aus eigener Kraft wirken oder einen Geist zwingen. Für gelehrte Beobachter lag dazwischen eine entscheidende Grenze: äußerlich war sie nicht immer zu sehen.

Frage 1

Wem galt die Bitte?

Ein Gebet an Gott oder die Bitte um Fürsprache wurde anders bewertet als die Anrufung eines Geistes oder Dämons.

Frage 2

Woher sollte die Wirkung kommen?

Göttliche Gnade, natürliche Eigenschaften und eine automatisch gedachte Zauberkraft waren theologisch nicht dasselbe.

Frage 3

Wer führte die Handlung aus?

Priesterlicher Segen, medizinische Behandlung, familiäres Ritual und heimliche Beschwörung hatten verschiedene Autorität.

Frage 4

Wie wurde sie beschrieben?

Begriffe wie superstitio, sortilegium oder magia waren Wertungen. Sie sagen zunächst, dass ein Autor eine Grenze ziehen wollte.

Auch Zeit, Region und Konflikt spielten eine Rolle. Was ein Geistlicher segnete, konnte ein anderer missbilligen. Eine schriftliche Formel konnte als fromme Bitte, medizinisches Hilfsmittel oder verbotener Zauber gelesen werden. Historisch sinnvoll ist deshalb kein starres Raster, sondern die Frage nach Kontext, Akteuren und erwarteter Wirkung.

Frömmigkeit zum Anfassen

Viele Schutzhandlungen lagen innerhalb anerkannter christlicher Praxis

Mittelalterlicher Glaube war körperlich und materiell. Menschen bekreuzigten sich, baten Heilige um Fürsprache, trugen Pilgerzeichen, nutzten geweihtes Wasser oder suchten die Nähe von Reliquien. Das war nicht automatisch „Magie“, sondern konnte Teil erlaubter Frömmigkeit sein.

01

Gebet & Segen

Gesprochene Worte baten Gott um Hilfe. Kirchlich anerkannte Formeln und Segnungen sollten nicht wie ein mechanischer Zwang wirken.

02

Kreuz & Zeichen

Das Kreuz konnte an Körper, Haus oder Gegenstand erscheinen. Material, Geste und Glauben ließen sich im Alltag kaum trennen.

03

Heilige & Reliquien

Heilige galten als Fürsprecher. Reliquien und Pilgerzeichen machten ihre Nähe greifbar und konnten mit Schutzhoffnungen verbunden sein.

04

Geweihte Dinge

Wasser, Kerzen oder andere gesegnete Objekte begleiteten religiöse Praxis. Ihre Nutzung konnte aus kirchlicher Sicht trotzdem als falsch gelten.

Kirchliche Zustimmung war dennoch kein Freibrief für jede Verwendung. Wenn ein Objekt wie ein Automat funktionieren sollte, eine Formel als geheim unfehlbar galt oder unerlaubte Namen enthielt, konnte die Bewertung kippen. Den größeren religiösen Rahmen erklärt der Artikel über Glaube und Kirche im Mittelalter.

Kräuter, Worte und getragene Zeichen

Heilung verband praktische Mittel mit Gebet, Spruch und Amulett

Medizinische Sammelhandschriften enthalten Rezepte, Diäten und Anweisungen für Eingriffe: manchmal direkt neben Sprüchen oder Ritualen. Ein Heiltext konnte eine Pflanze nennen, christliche Worte zitieren und eine bestimmte Handlung vorschreiben. Diese Nachbarschaft zeigt keine „irrationale Medizin“, sondern eine andere Ordnung von Körper, Natur und Heilserwartung.

  1. 01

    Körper

    Kräuter, Ernährung, Aderlass, Wundversorgung und Erfahrung zielten auf den kranken Körper.

  2. 02

    Wort

    Sprüche konnten christliche Namen, Gebete oder kurze Erzählungen mit einer konkreten Heilanweisung verbinden.

  3. 03

    Ding

    Beschriftete Zettel, Ringe oder Amulette wurden getragen, berührt oder am Körper befestigt.

  4. 04

    Hoffnung

    Die Grenze zwischen Trost, Ritual, Medizin und verbotener Magie war für Zeitgenossen nicht immer eindeutig.

Wie Säftelehre, Arzneien, Chirurgie und Pflege funktionierten, vertieft die Seite über die Medizin im Mittelalter.

Der Himmel als Teil der Natur

Astrologie war gelehrtes Wissen und trotzdem nicht grenzenlos erlaubt

Die moderne Trennung zwischen Astronomie als Wissenschaft und Astrologie als Aberglaube passt nicht unverändert ins Mittelalter. Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten wurden mathematisch beobachtet. Zugleich schrieb man den Himmelskörpern Einflüsse auf Wetter, Körper und günstige Zeitpunkte zu.

Himmel · Körper · ZeitDie Sterne sollten beeinflussen, aber nicht jeden menschlichen Entschluss erzwingen.
01

Himmel beobachten

Astronomisches Rechnen half, Kalender, Feste und Bewegungen der Himmelskörper zu bestimmen.

02

Körper deuten

Tierkreiszeichen wurden Körperteilen zugeordnet. Ärzte konnten Zeitpunkte für Aderlass oder Behandlung astrologisch bewerten.

03

Zukunft befragen

Horoskope sollten Neigungen, günstige Zeitpunkte oder mögliche Entwicklungen anzeigen.

04

Grenzen verhandeln

Vorhersagen wurden problematisch, wenn sie freien Willen, göttliche Vorsehung oder sichere Kenntnis der Zukunft zu beanspruchen schienen.

Ganzseitige spätmittelalterliche Darstellung eines Menschen mit Tierkreiszeichen und medizinischen Erläuterungen
Der Körper als kosmische Karte: Das Zeichen Widder gehört zum Kopf, Fische zu den Füßen · Mostyn MS 88, 1488–1498 · National Library of Wales · CC0

Astrologie war damit weder bloß bäuerlicher Volksglaube noch überall unumstritten. Besonders weitreichende Vorhersagen konnten mit freiem Willen und göttlicher Vorsehung kollidieren. Akzeptanz und Kritik richteten sich häufig gegen konkrete Ansprüche, nicht gegen jede Beobachtung des Himmels.

Eine Welt voller Bedeutung

Träume, Lose und außergewöhnliche Ereignisse konnten als Zeichen gelesen werden

Ein Komet war ein Himmelskörper und konnte zugleich politisch oder religiös gedeutet werden. Ein Traum konnte aus dem Körper kommen, eine Versuchung sein oder als Mitteilung gelten. Solche Mehrfachdeutungen waren kein Widerspruch, solange Natur, Moral und göttliche Ordnung nicht als völlig getrennte Bereiche gedacht wurden.

01

Traum

Träume konnten als körperliche Reaktion, bedeutungsvolles Zeichen, Versuchung oder göttliche Mitteilung gelesen werden.

02

Los

Losverfahren und Orakel versprachen Antworten auf verborgene Fragen. Kirchliche Autoren konnten sie als unerlaubte Wahrsagung verurteilen.

03

Begegnung

Tiere, ungewöhnliche Ereignisse oder zufällige Begegnungen ließen sich als Vorzeichen deuten. Ihre Bedeutung war nicht überall gleich.

04

Wetter & Himmel

Kometen, Finsternisse und Unwetter wurden beobachtet, natürlich erklärt oder moralisch-politisch gedeutet. Mehrere Lesarten konnten nebeneinanderstehen.

Kirchliche Kritik setzte dort an, wo Menschen sichere Kenntnis einer verborgenen Zukunft beanspruchten, Zeichen zwanghaft festlegten oder unerlaubte Mächte befragten. Dennoch war die Grenze zwischen Beobachtung, Erfahrung, Prognose und Wahrsagung nicht für jede Person gleich gezogen.

Nicht nur Dorfwissen

Komplizierte Magie brauchte Bücher, Bildung und Zugang zu Schrift

Populäre Erzählungen stellen Magie häufig als mündliches Geheimwissen einer alten Heilerin dar. Solche lokalen Praktiken können überliefert sein. Ein anderer großer Bereich war jedoch hochgradig gelehrt: Texte beschrieben Siegel, Namen, Gebetsfolgen, astrologische Zeiten und aufwendige Rituale.

01

Bücher

Ritualmagische Texte zirkulierten in kleinen, oft lateinkundigen Kreisen. Abschreiben, Übersetzen und Sammeln waren Teil dieser Praxis.

02

Namen & Figuren

Komplexe Zeichen, göttliche Namen, Siegel oder Gebetsfolgen sollten verborgene Kräfte ansprechen.

03

Astrologische Zeit

Einige Rituale verlangten einen bestimmten Stand von Planeten oder Sternen und verbanden Rechnung mit Handlung.

04

Klerikale Milieus

Gerade weil Lesen, Latein und Bücher nötig waren, begegnet gelehrte Magie häufig im Umfeld gebildeter Männer, nicht nur bei vermeintlichen Dorfhexen.

Eine christliche Erklärung des Bösen

Dämonen waren für Gelehrte real, doch nicht jede Dämonendarstellung ist ein Tatsachenbericht

Engel und Dämonen gehörten zur mittelalterlichen christlichen Welterklärung. Das allein war aus damaliger Sicht kein Aberglaube. Dämonen galten als gefallene Engel, die täuschen und versuchen konnten. Ihre Macht blieb in der Theologie der Herrschaft Gottes untergeordnet.

01

Theologie

Dämonen galten als gefallene Engel: geschaffene Wesen, die täuschen konnten, aber nicht gleich mächtig wie Gott waren.

02

Versuchung

Predigt und Bild machten innere Gefahren sichtbar. Ein Dämon konnte Sünde, Angst oder falsche Lehre verkörpern.

03

Erklärung

Ungewöhnliche Erlebnisse, Krankheit oder misslungene Rituale konnten neben anderen Erklärungen auch dämonisch gedeutet werden.

04

Vorwurf

Wer angeblich mit Dämonen einen Pakt schloss, überschritt in gelehrter Deutung eine besonders schwere religiöse Grenze.

Betende Menschen vor einer mittelalterlichen Stadt werden von der Hand Gottes vor fliegenden Dämonen geschützt
Bildtheologie statt Augenzeugenbericht: Gottes Hand schützt Betende vor Dämonen · Jean Fouquet, ca. 1452–1460 · The Metropolitan Museum of Art, Open Access · CC0

Ein gemalter Dämon zeigt deshalb zunächst eine religiöse Vorstellung oder moralische Aussage. Er beweist nicht, dass Menschen ein bestimmtes Wesen gesehen, verehrt oder beschworen hatten. Erst Text, Auftrag, Bildprogramm und Gebrauchskontext machen die Darstellung historisch aussagekräftig.

Europa war keine Wissensinsel

Schutz, Astrologie und Magie entstanden in mehreren religiösen Traditionen

Der lateinische Westen lernte nicht allein. Medizinische, astrologische und philosophische Texte wurden aus dem Griechischen, Arabischen und Hebräischen übersetzt. Jüdische, christliche und muslimische Gemeinschaften entwickelten eigene Schutz- und Schriftpraktiken. Kontakte verbanden diese Welten, ohne ihre religiösen Unterschiede aufzulösen.

01

Lateinisch-christliche Welt

Gebete, Heilige, Reliquien, medizinische Rezepte, Astrologie und verurteilte Beschwörungen erscheinen teils sogar in denselben Handschriften.

02

Jüdische Gemeinden

Geniza-Fragmente bewahren Schutztexte und magische Anweisungen, die mit jüdischer Schrift- und Gebetstradition verbunden waren.

03

Islamische Wissensräume

Astronomie, Astrologie, Medizin und talismanische Texte wurden in arabischer Sprache weiterentwickelt und über Übersetzungen europaweit wirksam.

Schmale beschriftete talismanische Papierrolle aus dem mittelalterlichen Ägypten
Schrift als Schutzträger: talismanische Rolle aus Ägypten · 11. Jahrhundert · The Metropolitan Museum of Art, Open Access · CC0

Solche Objekte pauschal „abergläubisch“ zu nennen, würde die Perspektive ihrer Nutzer übergehen. Historiker fragen stattdessen nach Schrift, religiöser Sprache, Material, Trageweise und erhoffter Wirkung und danach, wie das Objekt innerhalb seiner eigenen Tradition verstanden wurde.

Ein Feindbild setzt sich zusammen

Die mittelalterliche Hexe entstand nicht aus einem einzigen alten Glauben

Menschen verdächtigten einander schon lange, durch verborgene Mittel Schaden zu verursachen. Das bekannte europäische Hexenbild ging darüber hinaus. Im späten Mittelalter verbanden gelehrte Autoren verschiedene Motive zu einer neuen Vorstellung: Schadenzauber, Dämonenpakt, Glaubensabfall, nächtlicher Flug und geheime Versammlung.

  1. 01

    Schaden

    Seit langem gab es den Verdacht, Menschen könnten durch verborgene Mittel Krankheit, Unfruchtbarkeit oder Verlust verursachen.

  2. 02

    Dämonenpakt

    Gelehrte Theologen verbanden unerlaubte Magie stärker mit Abfall vom Glauben und einem Bündnis mit Dämonen.

  3. 03

    Flug & Versammlung

    Vorstellungen von Nachtfahrt, Flug und geheimer Zusammenkunft wurden zu Elementen eines neuen zusammengesetzten Feindbildes.

  4. 04

    Hexensekte

    Im 15. Jahrhundert entstand regional die Vorstellung einer organisierten, gemeinschaftlich handelnden Hexerei, allerdings noch nicht überall und nicht unverändert.

Zwei Frauen fliegen in einer französischen Handschrift von 1451 auf Stöcken und einem Besen
Ein Bild prägt ein Klischee: Flug der als ‚Vaudoises‘ bezeichneten Frauen · Martin Le Franc, Le Champion des dames, 1451 · Bibliothèque nationale de France · gemeinfrei

Die entscheidende Zeitgrenze

Die großen Hexenverfolgungen gehören überwiegend in die Frühe Neuzeit

Das ist die wichtigste Korrektur zum Thema: Im 15. Jahrhundert formten sich zentrale Bestandteile des gelehrten Hexenbildes, und es kam regional zu Verfolgungen. Die großen europäischen Prozesswellen lagen jedoch überwiegend nach dem Mittelalter, besonders zwischen etwa 1580 und 1630.

Mittelalter · bis ca. 1500Entstehung und regionale Verdichtung des neuen Hexenbildes

Verschiedene ältere Magievorwürfe werden im 15. Jahrhundert zu einem zusammengesetzten Verbrechen verbunden.

Frühe Neuzeit · ca. 1500–1800Schwerpunkt der großen europäischen Verfolgungswellen

Gerichte, Obrigkeiten, lokale Konflikte, gelehrte Dämonologie und Krisen wirken regional sehr unterschiedlich zusammen.

Auch der 1487 gedruckte Hexenhammer liegt am Rand der Epoche. Er wurde ein einflussreicher Text, ist aber weder die Erfindung der Hexenjagd noch ein Spiegel des gesamten Mittelalters. Ebenso falsch ist die Vorstellung einer ausschließlich von einer einzigen kirchlichen Zentrale gesteuerten Verfolgung: Weltliche Gerichte und lokale Herrschaften spielten eine zentrale Rolle.

Ein besonders hartnäckiger Internetmythos

Schwarze Katzen erklären weder mittelalterlichen Aberglauben noch die Pest

Behauptung„Die Kirche ließ schwarze Katzen töten, dadurch vermehrten sich Ratten und die Pest brach aus.“

Diese Kausalkette ist nicht belastbar belegt. Einzelne mittelalterliche Texte und Bilder konnten Katzen mit Ketzerei, Nacht oder Dämonischem verbinden. Daraus folgt keine europaweite Vernichtung schwarzer Katzen. Die Pest verbreitete sich zudem in komplexen ökologischen und sozialen Zusammenhängen, nicht durch eine einzige Tierlegende.

Auch andere vertraute Zeichen, etwa zerbrochene Spiegel, Leitern oder bestimmte Glückssymbole, haben nicht automatisch eine durchgehend mittelalterliche Geschichte. Ein modernes Lexikon des Aberglaubens darf deshalb nicht rückwärts als Beschreibung des 12. oder 14. Jahrhunderts gelesen werden.

Überlieferung mit Eigeninteressen

Wir kennen viele Praktiken vor allem aus Texten, die sie bekämpften

Das macht die Erforschung anspruchsvoll. Ein Bußbuch zählt unerlaubte Handlungen auf, um sie zu korrigieren. Ein Prozessprotokoll ordnet Aussagen nach juristischen Fragen. Eine Predigt übertreibt möglicherweise, um zu warnen. Solche Quellen sind wertvoll, wenn ihre Absicht mitgelesen wird.

01

Verbot

Zeigt, was ein kirchlicher oder weltlicher Autor verhindern wollte. Es beweist weder Häufigkeit noch genaue Ausführung.

02

Prozessakte

Bewahrt Aussagen unter starkem Druck und in vorgegebenen Kategorien. Anklage, Geständnis und tatsächliche Praxis müssen getrennt werden.

03

Handschrift

Die Nachbarschaft von Rezept, Gebet, astrologischer Tabelle und Ritual zeigt, wie Wissen gesammelt wurde, nicht, ob alles angewendet wurde.

04

Amulett

Material, Inschrift und Gebrauchsspuren belegen ein Objekt. Seine genaue Bedeutung für die tragende Person bleibt oft offen.

05

Bild

Macht Vorstellungen sichtbar, kann aber eine theologische Botschaft oder ein Feindbild verdichten statt Alltag zu dokumentieren.

06

Erzählung

Mirakel, Chronik und Legende vermitteln Deutungen. Sie wurden mit religiösen, moralischen oder politischen Zielen erzählt.

Fünf kurze Korrekturen

Mythen über Aberglauben im Mittelalter im Faktencheck

Mythos 01

Aberglaube war einfach das Gegenteil von Religion.

Einordnung

Die Grenze verlief mitten durch religiöse Praxis. Ein Gebet, ein gesegnetes Objekt und ein ähnlich verwendetes Amulett konnten unterschiedlich bewertet werden, abhängig von Wortlaut, Zweck und zugeschriebener Kraft.

Mythos 02

Magie war nur Sache ungebildeter Frauen.

Einordnung

Heilrituale konnten in Haushalten zirkulieren. Gelehrte Ritualmagie, astrologische Verfahren und komplizierte Beschwörungstexte begegnen jedoch oft bei lateinkundigen Männern und in klerikalen Milieus.

Mythos 03

Die Kirche verbrannte im ganzen Mittelalter massenhaft Hexen.

Einordnung

Das spätmittelalterliche Hexenbild entwickelte sich vor allem im 15. Jahrhundert. Die großen Verfolgungswellen lagen überwiegend in der Frühen Neuzeit, besonders zwischen etwa 1580 und 1630.

Mythos 04

Schwarze Katzen wurden überall verfolgt und verursachten so die Pest.

Einordnung

Einzelne Texte verbanden Katzen mit Ketzerei oder Dämonischem. Für eine europaweite kirchliche Ausrottung schwarzer Katzen und eine daraus folgende Pestwelle gibt es jedoch keinen belastbaren Nachweis.

Mythos 05

Jedes verbotene Ritual war ein unveränderter heidnischer Rest.

Einordnung

Bräuche konnten ältere Elemente enthalten, wurden aber über Jahrhunderte verändert und christlich neu gedeutet. Die pauschale Formel vom ‚heidnischen Überleben‘ ersetzt keine Quellenanalyse.

In 60 Sekunden

Das Wichtigste über Aberglauben im Mittelalter

01„Aberglaube“ ist eine historische Wertung, keine neutrale Liste fester Bräuche.

02Erlaubte Frömmigkeit, Heilritual, Astrologie, Magie und Anklage müssen getrennt werden.

03Medizin, Gebet, Sterne und praktische Erfahrung konnten für Zeitgenossen zugleich sinnvoll sein.

04Gelehrte Magie zirkulierte oft in schriftkundigen, männlich geprägten Milieus.

05Das Hexenbild verdichtete sich im Spätmittelalter; die großen Verfolgungswellen waren überwiegend frühneuzeitlich.

Kurz gefragt

Häufige Fragen zu Magie und Aberglauben im Mittelalter

Woran glaubten Menschen im Mittelalter?

Es gab keine einzige mittelalterliche Vorstellungswelt. Im christlich geprägten Europa gehörten Gott, Heilige, Wunder, Engel und Dämonen für viele Menschen zur Wirklichkeit. Daneben standen Naturerfahrung, Medizin, Astrologie, lokale Bräuche und mehrere religiöse Traditionen.

Was galt im Mittelalter als Aberglaube?

Kirchliche Autoren konnten Wahrsagung, bestimmte Heilrituale, Beschwörungen oder Praktiken mit unerlaubten Mächten verurteilen. Die Bewertung wandelte sich nach Zeit, Region, Absicht und Erklärung der erhofften Wirkung.

War Astrologie im Mittelalter verboten?

Nicht grundsätzlich. Astrologie war mit Astronomie und Medizin verbunden und wurde gelehrt. Umstritten waren besonders Vorhersagen, die freien Willen oder göttliche Vorsehung auszuschließen schienen.

Wurden Hexen im Mittelalter verbrannt?

Es gab spätmittelalterliche Verfahren und Hinrichtungen wegen Hexereivorwürfen. Die großen europäischen Verfolgungswellen gehören jedoch überwiegend in die Frühe Neuzeit, nicht in das gesamte Mittelalter.

Warum sind Verbote als Quelle schwierig?

Ein Verbot zeigt sicher, was eine Autorität missbilligte. Es sagt nicht automatisch, wie viele Menschen etwas taten, wie die Handlung genau aussah oder ob die Beschuldigten sie selbst genauso verstanden.

Quellen & Literatur

Worauf dieser Artikel beruht.

  1. Cambridge University Library: Curious Cures in Cambridge LibrariesForschungsprojekt zu mittelalterlichen medizinischen Handschriften, Rezepten, Heilzaubern und der Verbindung von häuslichem und gelehrtem Wissen.
  2. Trinity College Cambridge: Manuscript O.8.29Katalogeintrag zu einer astrologisch-medizinischen Sammelhandschrift des 14. bis 16. Jahrhunderts.
  3. The J. Paul Getty Museum: Written in the StarsMuseumseinordnung zur engen Verbindung von Astronomie, Astrologie, Medizin und Religion in mittelalterlichen Handschriften.
  4. Cambridge University Library: The Medieval SciencesHandschrift als Zeugnis für die Überlieferung von Mathematik, Medizin und Astrologie aus arabischen, jüdischen und lateinischen Wissensräumen.
  5. Cambridge Genizah Research Unit: Medieval Jewish MagicEinordnung eines Geniza-Fragments mit magischen Anweisungen im Zusammenhang jüdischer religiöser Tradition.
  6. Historisches Lexikon Bayerns: HexenverfolgungFachartikel zur Entstehung des Hexereibegriffs, zum Wandel gelehrter Deutungen und zum Schwerpunkt der Verfolgungen in der Frühen Neuzeit.
  7. Deutsches Historisches Museum: HexenwahnHistorische Einordnung der frühneuzeitlichen Verfolgungen und verbreiteter moderner Mythen über Opferzahlen, Kirche und Hebammen.
  8. Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters: Synode von Regensburg 806Quellennachweis zu einem kirchlichen Normtext, der als abergläubisch bewertete Praktiken verurteilt.
  9. Bildnachweis: Der TierkreismenschGutun Owain, Mostyn MS 88, Wales, 1488–1498; National Library of Wales, CC0.
  10. Bildnachweis: Talismanische RolleÄgypten, 11. Jahrhundert; Tinte auf Papier, The Metropolitan Museum of Art, Open Access, CC0.
  11. Bildnachweis: Schutz der Gläubigen vor DämonenJean Fouquet, Stundenbuch des Étienne Chevalier, ca. 1452–1460; The Metropolitan Museum of Art, Open Access, CC0.
  12. Bildnachweis: Hexenflug im Champion des damesMartin Le Franc, Le Champion des dames, 1451; Bibliothèque nationale de France, gemeinfreie Reproduktion.

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