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Arbeit zwischen Feld, Werkstatt und Markt

Berufe im Mittelalter: Wer arbeitete wo und wofür?

Vom Acker bis zur Goldschmiedewerkstatt: Mittelalterliche Arbeit war erstaunlich vielfältig. Diese Übersicht ordnet bekannte und vergessene Tätigkeiten ein und zeigt, warum ein Beruf damals selten nur ein Beruf war.

Werkbank mit Zangen, Hammer, Kettengeflecht, Metallhelm und weiteren Werkstücken in einer mittelalterlichen Werkstatt
Metallhandwerk verlangte Werkzeug, Materialwissen und lange Erfahrung · atmosphärische Rekonstruktion

Im Mittelalter gab es Bauern, Hirten, Müller, Bäcker, Schmiede, Zimmerleute, Weberinnen, Händler, Schreiber, Hebammen und viele weitere Tätigkeiten. Besonders in großen Städten entstanden im Hoch- und Spätmittelalter hoch spezialisierte Handwerke.

Doch ein Beruf war selten eine frei gewählte Karriere. Familie, Herkunft, Geschlecht, Ort und rechtliche Stellung bestimmten, welche Arbeit möglich war. Viele Menschen verbanden Landwirtschaft, Haushalt, Handwerk und Nebenerwerb miteinander.

Die kurze Orientierung

LandHandwerkHandelDienstSchriftHeilung
Arbeit entstand dort, wo Menschen Nahrung, Dinge, Wege, Wissen und Versorgung brauchten.

Gerade die Heilung verteilte sich auf viele Hände. Welche Aufgaben Medicus, Hebamme, Bader, Wundarzt und Apotheker übernahmen und warum Pflege meist im Haushalt begann, zeigt der Artikel über Medizin im Mittelalter.

Der wichtigste Unterschied

Arbeit war mehr als ein einzelner Beruf

Die moderne Frage „Was bist du von Beruf?“ passt nur teilweise in das Mittelalter. Ein bäuerlicher Haushalt säte Getreide, hielt Tiere, reparierte Geräte, spann Garn und verkaufte vielleicht Überschüsse. Ein Handwerksmeister arbeitete mit Ehefrau, Kindern, Lehrlingen, Gesellen und Gesinde unter einem Dach. Wohnort, Betrieb und Familie waren kaum getrennt.

Arbeit konnte dem eigenen Unterhalt dienen, als Abgabe oder Dienst geschuldet sein, im Haushalt unbezahlt bleiben oder gegen Geld, Nahrung und Unterkunft geleistet werden. Derselbe Mensch konnte im Jahreslauf mehrere Rollen übernehmen. Der Fischer betrieb vielleicht zusätzlich ein Feld; die Spinnerin verkaufte Garn; der Knecht half bei Ernte und Vieh, reparierte aber ebenso Zäune und Wagen.

Welche Möglichkeiten offenstanden, hing eng mit gesellschaftlicher Stellung und Recht zusammen. Den größeren Rahmen erklärt der Beitrag über die Stände im Mittelalter.

Mehrere Menschen arbeiten zwischen Wohnhaus, Feuerstelle, Werkzeugen und Tieren auf einem mittelalterlichen Hof
Auf einem Hof gingen Haushalt, Landwirtschaft, Versorgung und Reparatur ineinander über · atmosphärische Rekonstruktion

Eine Gesellschaft in Bewegung

Sechs Arbeitswelten des Mittelalters

Berufe lassen sich besser verstehen, wenn wir ihren Ort und Zweck sehen. Zwischen den folgenden Arbeitswelten bestanden keine festen Mauern. Ein Kloster konnte Felder, Werkstätten und eine Schreibstube besitzen. In einer Kleinstadt lagen Landwirtschaft und Gewerbe oft direkt nebeneinander.

01

Feld, Wald und Wasser

Ackerbau, Viehhaltung, Fischerei, Weinbau und Waldarbeit versorgten die Gesellschaft mit Nahrung und Rohstoffen.

Bäuerin · Hirte · Müller · Fischer · Köhler
02

Werkstatt und Baustelle

Handwerker verwandelten Metall, Holz, Stein, Ton, Leder und Fasern in Werkzeuge, Häuser, Kleidung und Waren.

Schmied · Weberin · Gerber · Zimmermann · Töpfer
03

Markt, Laden und Straße

Handel verband Erzeuger, Städte und Regionen. Transport selbst war schwere und riskante Arbeit.

Kaufmann · Krämerin · Fuhrmann · Schiffer · Träger
04

Haus, Hof und Herberge

Kochen, Reinigen, Versorgen und Reparieren hielten Haushalte und Herrschaftszentren am Laufen.

Magd · Knecht · Koch · Stallknecht · Wirtin
05

Schrift, Glaube und Heilung

Gelehrte und praktische Kenntnisse wurden in Kirchen, Schulen, Kanzleien, Apotheken und Badestuben gebraucht.

Schreiber · Priester · Hebamme · Bader · Apotheker
06

Herrschaft und Öffentlichkeit

Burgen, Höfe und Städte benötigten Verwaltung, Wachen, Boten und Menschen für öffentliche Aufgaben.

Kastellan · Wächter · Bote · Büttel · Ausrufer

Landwirtschaft blieb die wirtschaftliche Grundlage vieler Regionen. Das bedeutete nicht, dass es auf dem Land kein Handwerk gab. Müller, Schmiede, Zimmerleute, Weberinnen und andere Spezialisten arbeiteten ebenso in Dörfern, an Höfen oder für Klöster. Umgekehrt hielten auch Stadtbewohner Tiere und bewirtschafteten Flächen vor oder innerhalb der Mauern.

Zwischen Erzeugung und Verkauf arbeiteten Fuhrleute, Schiffer, Träger, Krämerinnen und Kaufleute. Wie ihre Tätigkeiten durch Marktprivilegien, Handelswege, Zölle, Münzen und Kredit verbunden wurden, zeigt der Artikel über Handel im Mittelalter.

Namen und Aufgaben

Berufe im Mittelalter: eine gegliederte Liste

Die folgende Liste nennt typische Tätigkeiten aus dem Hoch- und Spätmittelalter im deutschsprachigen Raum. Sie ist bewusst nach Arbeitsbereichen gegliedert. Bezeichnungen konnten von Stadt zu Stadt wechseln, und einige Spezialberufe sind erst für bestimmte Orte oder späte Jahrhunderte belegt.

01

Landwirtschaft und Rohstoffe

Die Grundlage vieler Regionen

Bauer oder Bäuerin
bewirtschaftete mit einer Hausgemeinschaft Land und hielt Tiere; Rechtsstellung und Hofgröße unterschieden sich stark
Knecht und Magd
arbeiteten gegen Lohn, Kost oder Unterkunft in einem fremden Haushalt oder auf einem Hof
Hirte oder Hirtin
hütete Rinder, Schafe, Ziegen oder Schweine für einzelne Besitzer oder eine Gemeinde
Müller
mahlte Getreide in einer Wasser- oder Windmühle und war häufig an einen Herrn oder ein Nutzungsrecht gebunden
Fischer
fing und verarbeitete Fisch an Flüssen, Seen oder Küsten; Nutzungsrechte konnten streng geregelt sein
Winzerin oder Winzer
pflegte Reben, las Trauben und arbeitete an der Weinbereitung
Köhler
erzeugte in abgelegenen Meilern Holzkohle für Metallverarbeitung und andere Gewerbe
02

Nahrung und Gastgewerbe

Vom Korn bis zur warmen Mahlzeit

Bäcker oder Beck
backte Brot und weiteres Gebäck; Gewicht, Preis und Qualität wurden in Städten oft kontrolliert
Fleischer oder Metzger
schlachtete Tiere, zerlegte Fleisch und verkaufte es; die Bezeichnung wechselte nach Region
Brauerin oder Brauer
stellte Bier für Haushalt, Kloster, Hof oder Verkauf her
Koch oder Garkoch
bereitete Speisen in großen Haushalten oder zum direkten Verkauf zu
Wirtin oder Wirt
bot Reisenden und Einheimischen Getränke, Speisen und teilweise Unterkunft
03

Textil und Leder

Eine lange Kette bis zum fertigen Kleid

Spinnerin
drehte Flachs oder Wolle zu Garn; ein großer Teil dieser Arbeit geschah im Haushalt
Weber oder Weberin
verarbeitete Garn am Webstuhl zu Tuch und konnte in bedeutenden Textilstädten hoch spezialisiert sein
Walker
verdichtete und verfilzte gewebtes Wolltuch mit Wasser, Wärme und mechanischer Arbeit
Färberin oder Färber
färbte Garn und Stoffe mit pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Mitteln
Schneider oder Näherin
schnitt Stoff zu und fertigte oder änderte Kleidung
Gerber
verwandelte Tierhäute mit langwierigen und geruchsintensiven Verfahren in Leder
Schuhmacher
fertigte und reparierte Schuhe aus Leder
Kürschner
verarbeitete Tierfelle zu wärmender oder repräsentativer Kleidung
04

Holz, Bau und Keramik

Häuser, Gefäße und Alltagsgerät

Zimmermann
errichtete Dachstühle, Fachwerke und andere tragende Holzkonstruktionen
Schreiner oder Tischler
fertigte Möbel, Türen, Truhen und feinere Bauteile aus Holz
Wagner oder Stellmacher
baute und reparierte Wagen, Räder und hölzerne Fahrzeugteile
Böttcher, Küfer oder Fassbinder
stellte Fässer, Bottiche und andere gebundene Holzgefäße her
Drechsler
formte Holz oder andere Materialien an einer Drehbank zu Gefäßen und Bauteilen
Maurer und Steinmetz
setzten Mauern oder bearbeiteten Werkstein für Häuser, Kirchen, Burgen und Bildwerke
Töpfer oder Hafner
formte und brannte Gefäße, Ofenkacheln und weitere Keramikwaren
05

Metall und Luxuswaren

Viele Spezialisten statt des einen Schmieds

Schmied
bearbeitete Eisen für Werkzeuge, Beschläge und Gebrauchsgegenstände; der Sammelbegriff verbirgt viele Spezialisierungen
Nagler
fertigte Nägel in unterschiedlichen Größen und Formen
Drahtzieher
zog Metallstäbe durch immer kleinere Öffnungen und lieferte Draht an weitere Werkstätten
Plattner
fertigte Teile von Plattenharnischen und benötigte besondere Kenntnisse der Metallbearbeitung
Kettenhemdmacher
verband viele einzelne Metallringe zu schützendem Geflecht
Goldschmied
verarbeitete Edelmetalle zu Schmuck, Gefäßen, Siegeln und kirchlichen Geräten
Glockengießer
goss große Glocken und andere Bronzeobjekte in technisch anspruchsvollen Verfahren
Paternostermacher
stellte Gebetsschnüre und Rosenkranzperlen aus Holz, Knochen, Horn oder kostbaren Materialien her
06

Handel und Transport

Waren mussten verkauft und bewegt werden

Kaufmann oder Kauffrau
handelte regional oder über große Entfernungen, organisierte Kredite und arbeitete mit Geschäftspartnern
Krämerin oder Krämer
verkaufte kleinere Waren in Laden, Bude oder auf dem Markt
Fuhrmann
transportierte Menschen und Güter mit Wagen und Zugtieren über Land
Schiffer
bewegte Waren und Reisende auf Flüssen, Seen oder entlang der Küste
Träger oder Ablader
lud schwere Waren um und trug sie an Häfen, Toren, Speichern und Märkten
Bote
überbrachte Briefe, Nachrichten, Geld oder kleinere Waren
Ausrufer
verkündete im Auftrag von Rat oder Markt wichtige Nachrichten und Anordnungen öffentlich
07

Schrift, Bildung und Gesundheit

Kenntnisse, die nicht jeder besaß

Schreiber oder Notar
verfasste Urkunden, Briefe, Rechnungen und rechtlich wichtige Texte
Buchmaler
schrieb oder schmückte Handschriften; Kunst galt dabei häufig als Handwerk
Schulmeister
unterrichtete an Kloster-, Stifts-, Dom- oder städtischen Schulen in sehr unterschiedlichen Formen
Medicus oder Stadtarzt
war akademisch ausgebildet und arbeitete vor allem für wohlhabende Menschen oder größere Städte
Wundarzt oder Barbier
behandelte Verletzungen und führte praktische Eingriffe durch
Bader
betrieb eine Badestube und übernahm häufig zusätzlich körpernahe oder medizinische Behandlungen
Hebamme
begleitete Schwangerschaft und Geburt mit praktischem Erfahrungswissen
Apotheker
stellte Arzneien her und verkaufte sie besonders in größeren spätmittelalterlichen Städten
08

Herrschaft, Haushalt und Stadt

Dienst und öffentliche Aufgaben

Kastellan oder Burghüter
verwaltete und bewachte eine Burg im Auftrag ihres Herrn
Diener und Gesinde
übernahmen Versorgung, Botengänge, Pflege, Reinigung und zahlreiche Arbeiten in einem Haushalt
Stallknecht
versorgte Pferde, Sattelzeug und Stall
Wächter
beobachtete Tore, Mauern, Straßen oder Feuergefahr; Aufgaben und Organisation wechselten nach Ort
Büttel oder Gerichtsdiener
vollzog Anordnungen, führte Menschen vor Gericht und unterstützte die öffentliche Ordnung
Scharfrichter
vollstreckte gerichtliche Strafen und übernahm mancherorts zusätzliche, sozial ausgegrenzte Aufgaben
Totengräber
bereitete Gräber vor und arbeitete im unmittelbaren Umfeld von Tod und Bestattung
Spielmann oder Musikerin
unterhielt bei Festen, an Höfen oder auf Reisen, lebte aber oft mit unsicherem sozialem Ansehen

Spielleute und Musikerinnen arbeiteten nicht nur zur Unterhaltung. Vom fahrenden Vortrag über höfischen Dienst bis zum spätmittelalterlichen Turm- und Stadtpfeifer reichten ihre Aufgaben. Instrumente, Klangorte und soziale Rollen erklärt der Artikel über Musik im Mittelalter.

Vom Rohstoff zum Produkt

Handwerk wurde immer spezialisierter

Mit wachsenden Städten und überregionalem Handel stieg die Nachfrage nach genau gefertigten Waren. Aus einer allgemeinen Metallbearbeitung entwickelten sich etwa Nagler, Drahtzieher, Plattner, Kettenhemdmacher und Goldschmiede. Auch im Textilgewerbe arbeitete nicht eine einzige Person vom Schaf bis zum fertigen Mantel.

Beispiel TextilgewerbeVom Schaf zum Mantel
  1. 01Wolle gewinnenHüten, Scheren und Sortieren
  2. 02Garn spinnenFasern reinigen und verdrehen
  3. 03Tuch webenFäden am Webstuhl verbinden
  4. 04Walken & färbenTuch verdichten und Farbe geben
  5. 05Kleidung fertigenZuschneiden, nähen und verkaufen
Je nach Ort und Produktionsform konnten einzelne Arbeitsschritte in einem Haushalt zusammenfallen oder auf mehrere spezialisierte Werkstätten verteilt sein.

Spezialisierung machte Werkstätten voneinander abhängig. Der Drahtzieher lieferte Material an Nagler oder Kettenhemdmacher. Färber brauchten Tuch, Wasser, Farbstoffe und Brennmaterial. Kaufleute organisierten Rohstoffe und Absatz. Arbeit war damit schon im Spätmittelalter Teil langer regionaler und überregionaler Ketten. Die fertigen Stoffe, Farben und Schichten zeigt der Artikel über Kleidung im Mittelalter.

Wie Feuer, Amboss und Werkzeug in einem einzelnen Metallhandwerk zusammenspielten, erklärt die Vertiefung über den Schmied im Mittelalter.

Ein belebter mittelalterlicher Markt mit Verkaufsständen, Waren, Handwerkern und Reisenden
Auf dem Markt trafen Produktion, Transport, Verkauf und Kundschaft zusammen · atmosphärische Rekonstruktion

Lernen durch Mitarbeit

Wie wurde man Handwerker?

Im spätmittelalterlichen Handwerk setzte sich zunehmend eine Folge aus Lehrling, Geselle und Meister durch. Ihre Regeln waren nicht überall gleich. Lehrzeiten unterschieden sich nach Gewerbe und Ort, Verträge wurden zwischen Familie und Meister ausgehandelt, und der Zugang konnte von Herkunft, Vermögen, Geschlecht und gutem Ruf abhängen.

01

Lehrling

Im Haushalt lernen

Arbeit, Beobachtung und Übung fanden meist in der Werkstatt und im Haushalt eines Meisters statt. Kost und Unterkunft konnten Teil der Vereinbarung sein.
02

Geselle oder Gesellin

Für Lohn arbeiten

Nach der Freisprechung arbeiteten Gesellen für Meister. Wanderschaft war verbreitet, aber nicht in jedem Handwerk und an jedem Ort gleich geregelt.
03

Mögliche Meisterschaft

Eine Werkstatt führen

Fachkönnen allein genügte nicht immer. Bürgerrecht, Gebühren, Vermögen, eheliche Stellung und ein freier Platz im Gewerbe konnten hinzukommen.

Nicht jeder Geselle wurde Meister. Einige blieben dauerhaft abhängig beschäftigt, wechselten den Ort oder suchten andere Arbeit. Auch ein Meisterstück war kein überall identischer Abschluss. Solche Anforderungen entwickelten sich regional und wurden erst über lange Zeit vereinheitlicht.

Gemeinschaft und Kontrolle

Was Zünfte regelten

Zünfte waren städtische Zusammenschlüsse von Handwerkern. Ihre Ordnungen konnten Ausbildung, Produktqualität, Preise, Löhne, Arbeitsweisen und die Zahl der Werkstätten regeln. Manche Berufe durften innerhalb einer Stadt nur von Zunftmitgliedern ausgeübt werden. Der Rat oder der Stadtherr musste solche Regeln häufig bestätigen.

Gemeinschaft

Was eine Zunft geben konnte

  • geregelte Ausbildung und Qualitätsmaßstäbe
  • religiöse Feste und gemeinsames Ansehen
  • Unterstützung bei Krankheit, Tod oder für Hinterbliebene
  • politischen Einfluss in einzelnen Städten
Kontrolle

Wen eine Zunft begrenzen konnte

  • fremde oder nicht zugelassene Konkurrenz
  • Menschen ohne Bürgerrecht oder ausreichendes Vermögen
  • Frauen je nach Stadt, Zeit und Gewerbe
  • Angehörige sozial ausgegrenzter Gruppen

Nicht jeder Handwerker gehörte einer Zunft an. Auf dem Land waren andere Organisationsformen verbreitet, und selbst Städte gingen unterschiedlich vor. Zünfte waren deshalb weder eine einzige mittelalterliche Gewerkschaft noch ein überall gleiches System. Sie verbanden Fürsorge und Gemeinschaft mit Marktordnung, Macht und Ausschluss.

In den Quellen oft leiser

Frauen arbeiteten in fast allen Bereichen

Frauen säten, ernteten, versorgten Tiere, spannen Garn, brauten, verkauften Waren, führten Haushalte und arbeiteten in Werkstätten. Ehefrauen und Töchter waren Teil des handwerklichen Betriebs. Mägde verrichteten schwere Haus- und Hofarbeit. Hebammen verfügten über eigenes Erfahrungswissen, Händlerinnen standen auf Märkten, und Witwen konnten Werkstätten weiterführen.

Erhaltene Dokumente nennen in einzelnen Städten Lehrtöchter, Gesellinnen und Meisterinnen. In Köln bestanden sogar Frauenzünfte in bestimmten Textilgewerben. Daraus folgt keine allgemeine Gleichberechtigung. Rechte und formale Mitgliedschaft blieben regional verschieden, und männliche Rechtsvertretung machte Frauen in vielen Akten weniger sichtbar.

Was eine Berufsbezeichnung oft verdeckt

Der Meister erscheint in Vertrag, Zunftrolle und Steuerliste.

Die Werkstatt funktionierte durch Ehefrau, Kinder, Gesinde, Lehrlinge und Gesellen.

Nicht nur Münzen

Lohn, Kost und mehrere Tätigkeiten

Bezahlung konnte aus Geld bestehen, aber ebenso aus Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Nutzungsrechten oder einem Anteil am Ertrag. Ein Lehrling erhielt meist keine normale Entlohnung; seine Familie konnte sogar Lehrgeld zahlen, während der Meister Kost und Unterkunft stellte. Gesinde lebte häufig im Haushalt des Arbeitgebers und war dadurch wirtschaftlich wie persönlich eng gebunden.

Viele Menschen besaßen kein gleichmäßiges Jahreseinkommen. Ernte, Bau, Transport und manche Gewerbe folgten Saison und Nachfrage. Kleine Landhaushalte kombinierten Ackerbau mit Tagelohn, Textilarbeit oder einem Handwerk. In einer Stadt konnten Familien produzieren, verkaufen, vermieten und Dienste übernehmen.

01EigenversorgungNahrung und Dinge für den eigenen Haushalt
02VerkaufWaren und Dienste für Markt oder Auftraggeber
03LohnGeld, Naturalien, Kost oder Unterkunft
04PflichtAbgaben und Dienste aus rechtlicher Bindung

Krankheit, Alter oder der Verlust von Werkzeugen konnten das Auskommen schnell gefährden. Familie, Zunft, Gemeinde, Kloster oder Stiftung halfen manchmal. Einen allgemeinen Schutz gab es nicht. Die Nürnberger Zwölfbrüderhäuser nahmen beispielsweise alte, verarmte Handwerker auf und hinterließen dadurch eine außergewöhnliche Bildquelle ihrer früheren Tätigkeiten.

Notwendig und dennoch gemieden

Seltene, belastende und ausgegrenzte Tätigkeiten

Manche Arbeit war unverzichtbar und brachte trotzdem wenig gesellschaftliche Ehre. Scharfrichter vollstreckten Urteile. Abdecker beseitigten Tierkadaver, Totengräber arbeiteten mit Toten, Büttel mit Beschuldigten und Strafen. Gassenkehrer kamen mit Unrat in Berührung. Fahrende Spielleute standen außerhalb der sesshaften Ordnung. Solche Nähe zu Tod, Schmutz oder Ortslosigkeit konnte zu Ausgrenzung führen.

Zeitgenössische Quellen bezeichneten bestimmte Gruppen als „unehrlich“. Damit war keine sachliche Bewertung ihrer Leistung gemeint, sondern ein sozialer Makel. Er konnte Heirat, Zunftzugang und die Stellung der Kinder belasten. Die Gesellschaft brauchte diese Tätigkeiten und hielt ihre Ausübenden zugleich auf Abstand.

Auch der oft gesuchte Ausrufer war kein überall gleicher Vollzeitberuf. Das öffentliche Verkünden von Nachrichten, Marktregeln oder Anordnungen konnte Teil eines städtischen Amtes sein und sich mit anderen Aufgaben verbinden. Gerade bei ungewöhnlichen Berufsbezeichnungen lohnt deshalb immer die Frage: Wo, wann und in welcher Quelle erscheint der Name?

Drei schnelle Korrekturen

Verbreitete Vorstellungen im Faktencheck

Vorstellung 01
„Auf dem Land waren alle Bauern.“
KorrekturDörfer kannten Handwerk, Dienst, Tagelohn, Fischerei, Transport und unterschiedliche landwirtschaftliche Rollen. Viele Menschen verbanden mehrere Tätigkeiten.
Vorstellung 02
„Jeder Handwerker gehörte einer Zunft an.“
KorrekturZünfte waren vor allem städtisch und regional verschieden. Ländliches Handwerk, freie Gewerbe und nicht zugelassene Konkurrenz bestanden daneben.
Vorstellung 03
„Frauen arbeiteten nur im Haus.“
KorrekturHaushalt war selbst ein Arbeitsort. Darüber hinaus arbeiteten Frauen in Landwirtschaft, Werkstatt, Textil, Handel, Versorgung und Heilberufen.

Zum Merken

Das Wichtigste in Kürze

  1. Im Mittelalter gab es auf Land und in Stadt zahlreiche spezialisierte Tätigkeiten.
  2. Die meisten Menschen wählten ihren Beruf nicht frei, sondern arbeiteten innerhalb von Familie, Stand und lokalen Rechten.
  3. Landwirtschaft, Haushalt, Handwerk und Nebenerwerb gingen häufig ineinander über.
  4. Städtische Handwerke spezialisierten sich besonders im Hoch- und Spätmittelalter.
  5. Zünfte regelten Arbeit und Fürsorge, konnten aber ebenso Konkurrenz und Zugang begrenzen.
  6. Lehrling, Geselle und Meister wurden zunehmend wichtige Stufen, galten jedoch nicht überall gleich.
  7. Frauen arbeiteten in fast allen Bereichen, erscheinen in offiziellen Quellen aber oft nur indirekt.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen zu Berufen im Mittelalter

Welche Berufe gab es im Mittelalter?

Typische Tätigkeiten waren Bauer, Hirte, Müller, Bäcker, Schmied, Zimmermann, Weberin, Schneider, Gerber, Händler, Fuhrmann, Schreiber, Bader, Hebamme, Diener oder Wächter. In großen Städten gab es zahlreiche weitere Spezialberufe.

Was war der häufigste Beruf im Mittelalter?

Landwirtschaft beschäftigte in vielen Regionen den größten Teil der Bevölkerung. „Bauer“ war jedoch keine einheitliche Stellung. Besitz, Freiheit, Hofgröße und konkrete Aufgaben unterschieden sich stark.

Wie wurde man Handwerker?

Im spätmittelalterlichen städtischen Handwerk begann der Weg häufig als Lehrling im Haushalt eines Meisters. Danach konnte die Freisprechung zum Gesellen folgen. Eine eigene Meisterwerkstatt erforderte Können, Geld und je nach Ort weitere Voraussetzungen.

Durften Frauen einen Beruf ausüben?

Ja. Frauen arbeiteten unter anderem in Landwirtschaft, Textil, Werkstätten, Handel, Versorgung und Heilberufen. Ihre rechtliche Selbstständigkeit und der Zugang zu Zünften waren jedoch regional und zeitlich sehr unterschiedlich.

Welche mittelalterlichen Berufe gibt es heute nicht mehr?

Bezeichnungen wie Paternostermacher, Plattner, Kettenhemdmacher oder öffentlicher Ausrufer sind als eigenständige Berufe weitgehend verschwunden. Viele ihrer Aufgaben leben in modernen Gewerken, Industrieproduktion, Verwaltung oder Kunsthandwerk weiter.

Was war ein Ausrufer?

Ein Ausrufer verkündete Nachrichten, Marktregeln oder amtliche Anordnungen hörbar im öffentlichen Raum. Die Aufgabe konnte Teil eines städtischen Amtes sein und war nicht überall als eigener Vollzeitberuf organisiert.

Quellen & Literatur

Worauf dieser Artikel beruht.

  1. Germanisches Nationalmuseum: Arbeiten & FeiernMuseale Digital Story zu Handwerk, Ausbildung, Zünften, Frauenarbeit und gesellschaftlichem Ansehen.
  2. Germanisches Nationalmuseum: Stadt & LandMuseale Einordnung von Stadtwirtschaft, Handwerk, Handel und geruchsintensiven Gewerben.
  3. Germanisches Nationalmuseum: Leben & SterbenMuseale Einordnung von Medicus, Wundarzt, Bader, Hebamme und Apotheker.
  4. Germanisches Nationalmuseum: Hausbücher der Nürnberger ZwölfbrüderstiftungenForschungsprojekt zur umfangreichen seriellen Bildquelle historischer Handwerke.
  5. Stadtbibliothek Nürnberg: Digitale Sammlungen: HausbücherDigitalisierte Handwerkerdarstellungen mit Berufs-, Werkzeug- und Materialerschließung.
  6. Deutsches Historisches Museum: Die Stadt im MittelalterEinführung zu Zünften, Berufszugang, Qualität, Fürsorge und städtischer Politik.
  7. Historisches Lexikon Bayerns: Handwerk in AltbayernFachbeitrag zu Gewerken, Spezialisierung und der Verbindung von ländlichem und städtischem Handwerk.
  8. Historisches Lexikon Bayerns: ZünfteFachbeitrag zu wirtschaftlichen, sozialen, religiösen und politischen Aufgaben der Handwerksverbände.
  9. Historisches Lexikon Bayerns: LandwirtschaftFachbeitrag zur Landwirtschaft als wirtschaftlichem Leitsektor und zu grundherrschaftlichen Bindungen.
  10. Historisches Lexikon Bayerns: Nürnberg, Reichsstadt: HandwerkFachbeitrag zu Spezialisierung, Innovation und Export im spätmittelalterlichen Nürnberg.
  11. Christine Sauer (Hrsg.): Handwerk im MittelalterWissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
  12. Ernst Schubert: Alltag im MittelalterNatürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002.

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