Im Mittelalter gab es Bauern, Hirten, Müller, Bäcker, Schmiede, Zimmerleute, Weberinnen, Händler, Schreiber, Hebammen und viele weitere Tätigkeiten. Besonders in großen Städten entstanden im Hoch- und Spätmittelalter hoch spezialisierte Handwerke.
Doch ein Beruf war selten eine frei gewählte Karriere. Familie, Herkunft, Geschlecht, Ort und rechtliche Stellung bestimmten, welche Arbeit möglich war. Viele Menschen verbanden Landwirtschaft, Haushalt, Handwerk und Nebenerwerb miteinander.
Die kurze Orientierung
Gerade die Heilung verteilte sich auf viele Hände. Welche Aufgaben Medicus, Hebamme, Bader, Wundarzt und Apotheker übernahmen und warum Pflege meist im Haushalt begann, zeigt der Artikel über Medizin im Mittelalter.
Der wichtigste Unterschied
Arbeit war mehr als ein einzelner Beruf
Die moderne Frage „Was bist du von Beruf?“ passt nur teilweise in das Mittelalter. Ein bäuerlicher Haushalt säte Getreide, hielt Tiere, reparierte Geräte, spann Garn und verkaufte vielleicht Überschüsse. Ein Handwerksmeister arbeitete mit Ehefrau, Kindern, Lehrlingen, Gesellen und Gesinde unter einem Dach. Wohnort, Betrieb und Familie waren kaum getrennt.
Arbeit konnte dem eigenen Unterhalt dienen, als Abgabe oder Dienst geschuldet sein, im Haushalt unbezahlt bleiben oder gegen Geld, Nahrung und Unterkunft geleistet werden. Derselbe Mensch konnte im Jahreslauf mehrere Rollen übernehmen. Der Fischer betrieb vielleicht zusätzlich ein Feld; die Spinnerin verkaufte Garn; der Knecht half bei Ernte und Vieh, reparierte aber ebenso Zäune und Wagen.
Welche Möglichkeiten offenstanden, hing eng mit gesellschaftlicher Stellung und Recht zusammen. Den größeren Rahmen erklärt der Beitrag über die Stände im Mittelalter.

Eine Gesellschaft in Bewegung
Sechs Arbeitswelten des Mittelalters
Berufe lassen sich besser verstehen, wenn wir ihren Ort und Zweck sehen. Zwischen den folgenden Arbeitswelten bestanden keine festen Mauern. Ein Kloster konnte Felder, Werkstätten und eine Schreibstube besitzen. In einer Kleinstadt lagen Landwirtschaft und Gewerbe oft direkt nebeneinander.
Feld, Wald und Wasser
Ackerbau, Viehhaltung, Fischerei, Weinbau und Waldarbeit versorgten die Gesellschaft mit Nahrung und Rohstoffen.
Bäuerin · Hirte · Müller · Fischer · KöhlerWerkstatt und Baustelle
Handwerker verwandelten Metall, Holz, Stein, Ton, Leder und Fasern in Werkzeuge, Häuser, Kleidung und Waren.
Schmied · Weberin · Gerber · Zimmermann · TöpferMarkt, Laden und Straße
Handel verband Erzeuger, Städte und Regionen. Transport selbst war schwere und riskante Arbeit.
Kaufmann · Krämerin · Fuhrmann · Schiffer · TrägerHaus, Hof und Herberge
Kochen, Reinigen, Versorgen und Reparieren hielten Haushalte und Herrschaftszentren am Laufen.
Magd · Knecht · Koch · Stallknecht · WirtinSchrift, Glaube und Heilung
Gelehrte und praktische Kenntnisse wurden in Kirchen, Schulen, Kanzleien, Apotheken und Badestuben gebraucht.
Schreiber · Priester · Hebamme · Bader · ApothekerHerrschaft und Öffentlichkeit
Burgen, Höfe und Städte benötigten Verwaltung, Wachen, Boten und Menschen für öffentliche Aufgaben.
Kastellan · Wächter · Bote · Büttel · AusruferLandwirtschaft blieb die wirtschaftliche Grundlage vieler Regionen. Das bedeutete nicht, dass es auf dem Land kein Handwerk gab. Müller, Schmiede, Zimmerleute, Weberinnen und andere Spezialisten arbeiteten ebenso in Dörfern, an Höfen oder für Klöster. Umgekehrt hielten auch Stadtbewohner Tiere und bewirtschafteten Flächen vor oder innerhalb der Mauern.
Zwischen Erzeugung und Verkauf arbeiteten Fuhrleute, Schiffer, Träger, Krämerinnen und Kaufleute. Wie ihre Tätigkeiten durch Marktprivilegien, Handelswege, Zölle, Münzen und Kredit verbunden wurden, zeigt der Artikel über Handel im Mittelalter.
Namen und Aufgaben
Berufe im Mittelalter: eine gegliederte Liste
Die folgende Liste nennt typische Tätigkeiten aus dem Hoch- und Spätmittelalter im deutschsprachigen Raum. Sie ist bewusst nach Arbeitsbereichen gegliedert. Bezeichnungen konnten von Stadt zu Stadt wechseln, und einige Spezialberufe sind erst für bestimmte Orte oder späte Jahrhunderte belegt.
Landwirtschaft und Rohstoffe
Die Grundlage vieler Regionen
- Bauer oder Bäuerin
- bewirtschaftete mit einer Hausgemeinschaft Land und hielt Tiere; Rechtsstellung und Hofgröße unterschieden sich stark
- Knecht und Magd
- arbeiteten gegen Lohn, Kost oder Unterkunft in einem fremden Haushalt oder auf einem Hof
- Hirte oder Hirtin
- hütete Rinder, Schafe, Ziegen oder Schweine für einzelne Besitzer oder eine Gemeinde
- Müller
- mahlte Getreide in einer Wasser- oder Windmühle und war häufig an einen Herrn oder ein Nutzungsrecht gebunden
- Fischer
- fing und verarbeitete Fisch an Flüssen, Seen oder Küsten; Nutzungsrechte konnten streng geregelt sein
- Winzerin oder Winzer
- pflegte Reben, las Trauben und arbeitete an der Weinbereitung
- Köhler
- erzeugte in abgelegenen Meilern Holzkohle für Metallverarbeitung und andere Gewerbe
Nahrung und Gastgewerbe
Vom Korn bis zur warmen Mahlzeit
- Bäcker oder Beck
- backte Brot und weiteres Gebäck; Gewicht, Preis und Qualität wurden in Städten oft kontrolliert
- Fleischer oder Metzger
- schlachtete Tiere, zerlegte Fleisch und verkaufte es; die Bezeichnung wechselte nach Region
- Brauerin oder Brauer
- stellte Bier für Haushalt, Kloster, Hof oder Verkauf her
- Koch oder Garkoch
- bereitete Speisen in großen Haushalten oder zum direkten Verkauf zu
- Wirtin oder Wirt
- bot Reisenden und Einheimischen Getränke, Speisen und teilweise Unterkunft
Textil und Leder
Eine lange Kette bis zum fertigen Kleid
- Spinnerin
- drehte Flachs oder Wolle zu Garn; ein großer Teil dieser Arbeit geschah im Haushalt
- Weber oder Weberin
- verarbeitete Garn am Webstuhl zu Tuch und konnte in bedeutenden Textilstädten hoch spezialisiert sein
- Walker
- verdichtete und verfilzte gewebtes Wolltuch mit Wasser, Wärme und mechanischer Arbeit
- Färberin oder Färber
- färbte Garn und Stoffe mit pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Mitteln
- Schneider oder Näherin
- schnitt Stoff zu und fertigte oder änderte Kleidung
- Gerber
- verwandelte Tierhäute mit langwierigen und geruchsintensiven Verfahren in Leder
- Schuhmacher
- fertigte und reparierte Schuhe aus Leder
- Kürschner
- verarbeitete Tierfelle zu wärmender oder repräsentativer Kleidung
Holz, Bau und Keramik
Häuser, Gefäße und Alltagsgerät
- Zimmermann
- errichtete Dachstühle, Fachwerke und andere tragende Holzkonstruktionen
- Schreiner oder Tischler
- fertigte Möbel, Türen, Truhen und feinere Bauteile aus Holz
- Wagner oder Stellmacher
- baute und reparierte Wagen, Räder und hölzerne Fahrzeugteile
- Böttcher, Küfer oder Fassbinder
- stellte Fässer, Bottiche und andere gebundene Holzgefäße her
- Drechsler
- formte Holz oder andere Materialien an einer Drehbank zu Gefäßen und Bauteilen
- Maurer und Steinmetz
- setzten Mauern oder bearbeiteten Werkstein für Häuser, Kirchen, Burgen und Bildwerke
- Töpfer oder Hafner
- formte und brannte Gefäße, Ofenkacheln und weitere Keramikwaren
Metall und Luxuswaren
Viele Spezialisten statt des einen Schmieds
- Schmied
- bearbeitete Eisen für Werkzeuge, Beschläge und Gebrauchsgegenstände; der Sammelbegriff verbirgt viele Spezialisierungen
- Nagler
- fertigte Nägel in unterschiedlichen Größen und Formen
- Drahtzieher
- zog Metallstäbe durch immer kleinere Öffnungen und lieferte Draht an weitere Werkstätten
- Plattner
- fertigte Teile von Plattenharnischen und benötigte besondere Kenntnisse der Metallbearbeitung
- Kettenhemdmacher
- verband viele einzelne Metallringe zu schützendem Geflecht
- Goldschmied
- verarbeitete Edelmetalle zu Schmuck, Gefäßen, Siegeln und kirchlichen Geräten
- Glockengießer
- goss große Glocken und andere Bronzeobjekte in technisch anspruchsvollen Verfahren
- Paternostermacher
- stellte Gebetsschnüre und Rosenkranzperlen aus Holz, Knochen, Horn oder kostbaren Materialien her
Handel und Transport
Waren mussten verkauft und bewegt werden
- Kaufmann oder Kauffrau
- handelte regional oder über große Entfernungen, organisierte Kredite und arbeitete mit Geschäftspartnern
- Krämerin oder Krämer
- verkaufte kleinere Waren in Laden, Bude oder auf dem Markt
- Fuhrmann
- transportierte Menschen und Güter mit Wagen und Zugtieren über Land
- Schiffer
- bewegte Waren und Reisende auf Flüssen, Seen oder entlang der Küste
- Träger oder Ablader
- lud schwere Waren um und trug sie an Häfen, Toren, Speichern und Märkten
- Bote
- überbrachte Briefe, Nachrichten, Geld oder kleinere Waren
- Ausrufer
- verkündete im Auftrag von Rat oder Markt wichtige Nachrichten und Anordnungen öffentlich
Schrift, Bildung und Gesundheit
Kenntnisse, die nicht jeder besaß
- Schreiber oder Notar
- verfasste Urkunden, Briefe, Rechnungen und rechtlich wichtige Texte
- Buchmaler
- schrieb oder schmückte Handschriften; Kunst galt dabei häufig als Handwerk
- Schulmeister
- unterrichtete an Kloster-, Stifts-, Dom- oder städtischen Schulen in sehr unterschiedlichen Formen
- Medicus oder Stadtarzt
- war akademisch ausgebildet und arbeitete vor allem für wohlhabende Menschen oder größere Städte
- Wundarzt oder Barbier
- behandelte Verletzungen und führte praktische Eingriffe durch
- Bader
- betrieb eine Badestube und übernahm häufig zusätzlich körpernahe oder medizinische Behandlungen
- Hebamme
- begleitete Schwangerschaft und Geburt mit praktischem Erfahrungswissen
- Apotheker
- stellte Arzneien her und verkaufte sie besonders in größeren spätmittelalterlichen Städten
Herrschaft, Haushalt und Stadt
Dienst und öffentliche Aufgaben
- Kastellan oder Burghüter
- verwaltete und bewachte eine Burg im Auftrag ihres Herrn
- Diener und Gesinde
- übernahmen Versorgung, Botengänge, Pflege, Reinigung und zahlreiche Arbeiten in einem Haushalt
- Stallknecht
- versorgte Pferde, Sattelzeug und Stall
- Wächter
- beobachtete Tore, Mauern, Straßen oder Feuergefahr; Aufgaben und Organisation wechselten nach Ort
- Büttel oder Gerichtsdiener
- vollzog Anordnungen, führte Menschen vor Gericht und unterstützte die öffentliche Ordnung
- Scharfrichter
- vollstreckte gerichtliche Strafen und übernahm mancherorts zusätzliche, sozial ausgegrenzte Aufgaben
- Totengräber
- bereitete Gräber vor und arbeitete im unmittelbaren Umfeld von Tod und Bestattung
- Spielmann oder Musikerin
- unterhielt bei Festen, an Höfen oder auf Reisen, lebte aber oft mit unsicherem sozialem Ansehen
Spielleute und Musikerinnen arbeiteten nicht nur zur Unterhaltung. Vom fahrenden Vortrag über höfischen Dienst bis zum spätmittelalterlichen Turm- und Stadtpfeifer reichten ihre Aufgaben. Instrumente, Klangorte und soziale Rollen erklärt der Artikel über Musik im Mittelalter.
Vom Rohstoff zum Produkt
Handwerk wurde immer spezialisierter
Mit wachsenden Städten und überregionalem Handel stieg die Nachfrage nach genau gefertigten Waren. Aus einer allgemeinen Metallbearbeitung entwickelten sich etwa Nagler, Drahtzieher, Plattner, Kettenhemdmacher und Goldschmiede. Auch im Textilgewerbe arbeitete nicht eine einzige Person vom Schaf bis zum fertigen Mantel.
- 01Wolle gewinnenHüten, Scheren und Sortieren
- 02Garn spinnenFasern reinigen und verdrehen
- 03Tuch webenFäden am Webstuhl verbinden
- 04Walken & färbenTuch verdichten und Farbe geben
- 05Kleidung fertigenZuschneiden, nähen und verkaufen
Spezialisierung machte Werkstätten voneinander abhängig. Der Drahtzieher lieferte Material an Nagler oder Kettenhemdmacher. Färber brauchten Tuch, Wasser, Farbstoffe und Brennmaterial. Kaufleute organisierten Rohstoffe und Absatz. Arbeit war damit schon im Spätmittelalter Teil langer regionaler und überregionaler Ketten. Die fertigen Stoffe, Farben und Schichten zeigt der Artikel über Kleidung im Mittelalter.
Wie Feuer, Amboss und Werkzeug in einem einzelnen Metallhandwerk zusammenspielten, erklärt die Vertiefung über den Schmied im Mittelalter.

Lernen durch Mitarbeit
Wie wurde man Handwerker?
Im spätmittelalterlichen Handwerk setzte sich zunehmend eine Folge aus Lehrling, Geselle und Meister durch. Ihre Regeln waren nicht überall gleich. Lehrzeiten unterschieden sich nach Gewerbe und Ort, Verträge wurden zwischen Familie und Meister ausgehandelt, und der Zugang konnte von Herkunft, Vermögen, Geschlecht und gutem Ruf abhängen.
Lehrling
Im Haushalt lernen
Arbeit, Beobachtung und Übung fanden meist in der Werkstatt und im Haushalt eines Meisters statt. Kost und Unterkunft konnten Teil der Vereinbarung sein.Geselle oder Gesellin
Für Lohn arbeiten
Nach der Freisprechung arbeiteten Gesellen für Meister. Wanderschaft war verbreitet, aber nicht in jedem Handwerk und an jedem Ort gleich geregelt.Mögliche Meisterschaft
Eine Werkstatt führen
Fachkönnen allein genügte nicht immer. Bürgerrecht, Gebühren, Vermögen, eheliche Stellung und ein freier Platz im Gewerbe konnten hinzukommen.Nicht jeder Geselle wurde Meister. Einige blieben dauerhaft abhängig beschäftigt, wechselten den Ort oder suchten andere Arbeit. Auch ein Meisterstück war kein überall identischer Abschluss. Solche Anforderungen entwickelten sich regional und wurden erst über lange Zeit vereinheitlicht.
Gemeinschaft und Kontrolle
Was Zünfte regelten
Zünfte waren städtische Zusammenschlüsse von Handwerkern. Ihre Ordnungen konnten Ausbildung, Produktqualität, Preise, Löhne, Arbeitsweisen und die Zahl der Werkstätten regeln. Manche Berufe durften innerhalb einer Stadt nur von Zunftmitgliedern ausgeübt werden. Der Rat oder der Stadtherr musste solche Regeln häufig bestätigen.
Was eine Zunft geben konnte
- geregelte Ausbildung und Qualitätsmaßstäbe
- religiöse Feste und gemeinsames Ansehen
- Unterstützung bei Krankheit, Tod oder für Hinterbliebene
- politischen Einfluss in einzelnen Städten
Wen eine Zunft begrenzen konnte
- fremde oder nicht zugelassene Konkurrenz
- Menschen ohne Bürgerrecht oder ausreichendes Vermögen
- Frauen je nach Stadt, Zeit und Gewerbe
- Angehörige sozial ausgegrenzter Gruppen
Nicht jeder Handwerker gehörte einer Zunft an. Auf dem Land waren andere Organisationsformen verbreitet, und selbst Städte gingen unterschiedlich vor. Zünfte waren deshalb weder eine einzige mittelalterliche Gewerkschaft noch ein überall gleiches System. Sie verbanden Fürsorge und Gemeinschaft mit Marktordnung, Macht und Ausschluss.
In den Quellen oft leiser
Frauen arbeiteten in fast allen Bereichen
Frauen säten, ernteten, versorgten Tiere, spannen Garn, brauten, verkauften Waren, führten Haushalte und arbeiteten in Werkstätten. Ehefrauen und Töchter waren Teil des handwerklichen Betriebs. Mägde verrichteten schwere Haus- und Hofarbeit. Hebammen verfügten über eigenes Erfahrungswissen, Händlerinnen standen auf Märkten, und Witwen konnten Werkstätten weiterführen.
Erhaltene Dokumente nennen in einzelnen Städten Lehrtöchter, Gesellinnen und Meisterinnen. In Köln bestanden sogar Frauenzünfte in bestimmten Textilgewerben. Daraus folgt keine allgemeine Gleichberechtigung. Rechte und formale Mitgliedschaft blieben regional verschieden, und männliche Rechtsvertretung machte Frauen in vielen Akten weniger sichtbar.
Der Meister erscheint in Vertrag, Zunftrolle und Steuerliste.
Die Werkstatt funktionierte durch Ehefrau, Kinder, Gesinde, Lehrlinge und Gesellen.
Nicht nur Münzen
Lohn, Kost und mehrere Tätigkeiten
Bezahlung konnte aus Geld bestehen, aber ebenso aus Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Nutzungsrechten oder einem Anteil am Ertrag. Ein Lehrling erhielt meist keine normale Entlohnung; seine Familie konnte sogar Lehrgeld zahlen, während der Meister Kost und Unterkunft stellte. Gesinde lebte häufig im Haushalt des Arbeitgebers und war dadurch wirtschaftlich wie persönlich eng gebunden.
Viele Menschen besaßen kein gleichmäßiges Jahreseinkommen. Ernte, Bau, Transport und manche Gewerbe folgten Saison und Nachfrage. Kleine Landhaushalte kombinierten Ackerbau mit Tagelohn, Textilarbeit oder einem Handwerk. In einer Stadt konnten Familien produzieren, verkaufen, vermieten und Dienste übernehmen.
Krankheit, Alter oder der Verlust von Werkzeugen konnten das Auskommen schnell gefährden. Familie, Zunft, Gemeinde, Kloster oder Stiftung halfen manchmal. Einen allgemeinen Schutz gab es nicht. Die Nürnberger Zwölfbrüderhäuser nahmen beispielsweise alte, verarmte Handwerker auf und hinterließen dadurch eine außergewöhnliche Bildquelle ihrer früheren Tätigkeiten.
Notwendig und dennoch gemieden
Seltene, belastende und ausgegrenzte Tätigkeiten
Manche Arbeit war unverzichtbar und brachte trotzdem wenig gesellschaftliche Ehre. Scharfrichter vollstreckten Urteile. Abdecker beseitigten Tierkadaver, Totengräber arbeiteten mit Toten, Büttel mit Beschuldigten und Strafen. Gassenkehrer kamen mit Unrat in Berührung. Fahrende Spielleute standen außerhalb der sesshaften Ordnung. Solche Nähe zu Tod, Schmutz oder Ortslosigkeit konnte zu Ausgrenzung führen.
Zeitgenössische Quellen bezeichneten bestimmte Gruppen als „unehrlich“. Damit war keine sachliche Bewertung ihrer Leistung gemeint, sondern ein sozialer Makel. Er konnte Heirat, Zunftzugang und die Stellung der Kinder belasten. Die Gesellschaft brauchte diese Tätigkeiten und hielt ihre Ausübenden zugleich auf Abstand.
Auch der oft gesuchte Ausrufer war kein überall gleicher Vollzeitberuf. Das öffentliche Verkünden von Nachrichten, Marktregeln oder Anordnungen konnte Teil eines städtischen Amtes sein und sich mit anderen Aufgaben verbinden. Gerade bei ungewöhnlichen Berufsbezeichnungen lohnt deshalb immer die Frage: Wo, wann und in welcher Quelle erscheint der Name?
Drei schnelle Korrekturen
Verbreitete Vorstellungen im Faktencheck
- Vorstellung 01
- „Auf dem Land waren alle Bauern.“
- KorrekturDörfer kannten Handwerk, Dienst, Tagelohn, Fischerei, Transport und unterschiedliche landwirtschaftliche Rollen. Viele Menschen verbanden mehrere Tätigkeiten.
- Vorstellung 02
- „Jeder Handwerker gehörte einer Zunft an.“
- KorrekturZünfte waren vor allem städtisch und regional verschieden. Ländliches Handwerk, freie Gewerbe und nicht zugelassene Konkurrenz bestanden daneben.
- Vorstellung 03
- „Frauen arbeiteten nur im Haus.“
- KorrekturHaushalt war selbst ein Arbeitsort. Darüber hinaus arbeiteten Frauen in Landwirtschaft, Werkstatt, Textil, Handel, Versorgung und Heilberufen.
Zum Merken
Das Wichtigste in Kürze
- Im Mittelalter gab es auf Land und in Stadt zahlreiche spezialisierte Tätigkeiten.
- Die meisten Menschen wählten ihren Beruf nicht frei, sondern arbeiteten innerhalb von Familie, Stand und lokalen Rechten.
- Landwirtschaft, Haushalt, Handwerk und Nebenerwerb gingen häufig ineinander über.
- Städtische Handwerke spezialisierten sich besonders im Hoch- und Spätmittelalter.
- Zünfte regelten Arbeit und Fürsorge, konnten aber ebenso Konkurrenz und Zugang begrenzen.
- Lehrling, Geselle und Meister wurden zunehmend wichtige Stufen, galten jedoch nicht überall gleich.
- Frauen arbeiteten in fast allen Bereichen, erscheinen in offiziellen Quellen aber oft nur indirekt.
Kurz beantwortet
Häufige Fragen zu Berufen im Mittelalter
Welche Berufe gab es im Mittelalter?
Typische Tätigkeiten waren Bauer, Hirte, Müller, Bäcker, Schmied, Zimmermann, Weberin, Schneider, Gerber, Händler, Fuhrmann, Schreiber, Bader, Hebamme, Diener oder Wächter. In großen Städten gab es zahlreiche weitere Spezialberufe.
Was war der häufigste Beruf im Mittelalter?
Landwirtschaft beschäftigte in vielen Regionen den größten Teil der Bevölkerung. „Bauer“ war jedoch keine einheitliche Stellung. Besitz, Freiheit, Hofgröße und konkrete Aufgaben unterschieden sich stark.
Wie wurde man Handwerker?
Im spätmittelalterlichen städtischen Handwerk begann der Weg häufig als Lehrling im Haushalt eines Meisters. Danach konnte die Freisprechung zum Gesellen folgen. Eine eigene Meisterwerkstatt erforderte Können, Geld und je nach Ort weitere Voraussetzungen.
Durften Frauen einen Beruf ausüben?
Ja. Frauen arbeiteten unter anderem in Landwirtschaft, Textil, Werkstätten, Handel, Versorgung und Heilberufen. Ihre rechtliche Selbstständigkeit und der Zugang zu Zünften waren jedoch regional und zeitlich sehr unterschiedlich.
Welche mittelalterlichen Berufe gibt es heute nicht mehr?
Bezeichnungen wie Paternostermacher, Plattner, Kettenhemdmacher oder öffentlicher Ausrufer sind als eigenständige Berufe weitgehend verschwunden. Viele ihrer Aufgaben leben in modernen Gewerken, Industrieproduktion, Verwaltung oder Kunsthandwerk weiter.
Was war ein Ausrufer?
Ein Ausrufer verkündete Nachrichten, Marktregeln oder amtliche Anordnungen hörbar im öffentlichen Raum. Die Aufgabe konnte Teil eines städtischen Amtes sein und war nicht überall als eigener Vollzeitberuf organisiert.
