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SagenhaftesMittelalterEntdecken

Ein Kaiser im Berg, ein Reich in Erwartung

Barbarossa im Kyffhäuser

Tief unter dem Kyffhäuser soll Kaiser Friedrich Barbarossa an einem steinernen Tisch schlafen. Sein Bart wächst, Raben kreisen, und eines Tages kehrt er zurück. Doch die ältere Sage meinte wahrscheinlich einen anderen Kaiser – und die berühmtesten Bilder sind erstaunlich jung.

Historische Gesamtansicht des Kyffhäuserdenkmals mit Turm und Reiterstandbild auf dem Bergrücken
Das Kyffhäuserdenkmal um 1900 · der mächtige Bau entstand erst 1890 bis 1896 und formte die moderne Bildwelt der Sage · Photochrom der Library of Congress · gemeinfrei

Kaum eine deutsche Sage hat ein so klares Bild geschaffen: Ein Kaiser schläft im Berg, sein roter Bart wächst um den Tisch, und draußen halten Raben die Welt in Erwartung. Doch dieses scheinbar uralte Bild besteht aus mehreren Zeiten. Ein mittelalterlicher Herrscher, eine Burg, eine spätmittelalterliche Chronik, Texte des 19. Jahrhunderts, eine neu entdeckte Höhle und ein Nationaldenkmal liegen darin übereinander.

Orientierung vor der Geschichte

Warum schläft Barbarossa im Kyffhäuser?

In der bekannten Kyffhäuser-Sage ist Friedrich I. Barbarossa nicht endgültig gestorben. Er wartet tief im Berg, bis die rechte Zeit für seine Rückkehr gekommen ist. Bart, Tisch, Raben und der grünende Baum machen dieses Warten sichtbar. Historisch starb der Kaiser jedoch 1190 in Kleinasien – und die ältere Kyffhäuser-Überlieferung meinte wahrscheinlich seinen Enkel Friedrich II.

Die kurze AntwortBarbarossa schläft im Berg, weil die Sage seinen Tod in eine offene Hoffnung auf Rückkehr verwandelt.

Ort Kyffhäuser in Thüringen

historischer Tod 10. Juni 1190

frühe Bergfigur wohl Friedrich II.

bekannte Fassungen Grimm 1816 · Rückert 1817

Erzählerisch rekonstruiert

Die Sage von Barbarossa im Kyffhäuser

Grundlage dieser Nacherzählung

Die Grimm-Fassung von 1816

Die folgende Version gibt Motive aus „Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser“ in eigenen Worten wieder. Die Brüder Grimm stellten mehrere Varianten nebeneinander. Deshalb ist dies eine lesbare Nacherzählung, kein behaupteter mittelalterlicher Originalwortlaut.

Die steinerne Barbarossafigur mit langem Bart unterhalb des Kyffhäuserdenkmals
Nikolaus Geigers Barbarossafigur um 1890–1900 · ein eindrucksvolles späteres Bild des Sagenkaisers, keine mittelalterliche Darstellung · Library of Congress · gemeinfrei
  1. 01
    Nicht tot, sondern verborgen

    Der Kaiser im Berg

    Tief unter dem Kyffhäuser liegt eine Halle, die kein gewöhnlicher Weg erreicht. Dort ruht Kaiser Friedrich Rotbart mit seinem Hof. Für die Menschen draußen ist er seit Jahrhunderten verschwunden; in der Sage wartet er nur auf seine Zeit.

  2. 02
    Herrschaft im Stillstand

    Der steinerne Tisch

    Der Kaiser sitzt an einem runden Tisch aus Stein. Um ihn ist alles angehalten: Hof und Macht bestehen weiter, aber sie greifen nicht in die Welt ein. Die Halle wirkt zugleich wie Thronsaal, Grab und Versprechen.

  3. 03
    Jahrhunderte werden sichtbar

    Der wachsende Bart

    Barbarossas feuerroter Bart ist so lang geworden, dass er je nach Fassung durch die Tischplatte oder um den Tisch gewachsen ist. Der Bart verrät, dass dieser Schlaf nicht Stunden, sondern Menschenalter dauert.

  4. 04
    Die verborgene Welt öffnet sich

    Ein Mensch tritt ein

    Ein Bauer, Hirt oder Musikant gelangt in verschiedenen Erzählungen in den Berg. Manchmal führt ihn ein kleiner geheimnisvoller Mann hinein. Er sieht Schätze, Pferde und den schlafenden Hof – und steht plötzlich vor dem Kaiser.

  5. 05
    Ein Zeichen über dem Berg

    Die Frage nach den Raben

    Barbarossa erwacht für einen Augenblick und fragt, ob die Raben noch um den Kyffhäuser fliegen. Der Besucher bestätigt es. Damit ist das Zeichen der erhofften Rückkehr noch nicht erfüllt.

  6. 06
    Die Erwartung wird verlängert

    Noch hundert Jahre

    Der Kaiser senkt das Haupt wieder. Solange die Raben kreisen, muss er weiter schlafen – in einer bekannten Variante erneut hundert Jahre. Die Sage nennt keine verlässliche Uhr, sondern verwandelt politische Hoffnung in geduldiges Warten.

  7. 07
    Eine bessere Zeit

    Die Wiederkehr

    Eines Tages, so versprechen andere Varianten, tritt der Kaiser hervor. Sein Schild hängt an einem dürren Baum; beginnt dieser wieder zu grünen, soll eine neue, gerechtere Ordnung anbrechen. Wann das geschieht, bleibt offen.

Die Sage endet nicht mit der Rückkehr, sondern mit ihrem Aufschub. Gerade deshalb konnte jede spätere Zeit neu fragen, ob der erwartete Augenblick nun gekommen sei.

Erzählung und Überlieferung trennen

Welche Fassung der Barbarossa-Sage wurde gerade erzählt?

Es gibt keine über Jahrhunderte unveränderte Kyffhäuser-Sage. Die Nacherzählung folgt vor allem der Grimm-Sammlung von 1816. Dort stehen unterschiedliche Besuche im Berg nebeneinander: Ein Bauer erhält aus vermeintlichem Getreide Gold; ein Schäfer oder Pfeifer beantwortet die Frage nach den Raben; der Bart wächst einmal durch den Tisch, ein anderes Mal um ihn herum.

Grimm · 1816

Mehrere Stimmen bleiben sichtbar

Die Prosasage bewahrt Varianten, Ortsangaben und Besuchergeschichten. Ihre Widersprüche sind kein Fehler, sondern eine Spur der mündlichen und schriftlichen Weitergabe.

Rückert · 1817

Ein Gedicht wird zum Erinnerungsbild

Rückert ordnet Schloss, Elfenbeinstuhl, Marmortisch, roten Bart, Boten und Raben zu einer klaren Folge. So ließ sich die Geschichte besonders leicht lernen und weitererzählen.

Andere Varianten

Baum, Schild, Schatz und Kampf

Nicht überall stehen dieselben Zeichen im Mittelpunkt. Manche Fassungen betonen den grünenden Baum, andere einen verborgenen Schatz oder den letzten Kampf des Kaisers.

Eine Sage bleibt wiedererkennbar, obwohl sich Figur, Motiv und Aussage verschieben. Genau an solchen Übergängen lässt sich sehen,wie Sagen entstehen und sich verändern.

Der Mensch hinter Rotbart

Wer war der historische Friedrich I. Barbarossa?

Friedrich I. wurde um 1122 oder 1123 geboren, 1152 zum römisch-deutschen König gewählt und 1155 zum Kaiser gekrönt. Sein italienischer Beiname Barbarossa bedeutet „Rotbart“. Er gehörte zum staufischen Herrscherhaus und prägte die Politik des Reichs über Jahrzehnte – durch Verhandlungen, Hoftage, Konflikte und Kriege, nicht als regloser Kaiser in einem Berg.

Mittelalterliche Miniatur Kaiser Friedrichs I. Barbarossa als bewaffneter Kreuzfahrer
Friedrich I. als Kreuzfahrer · Miniatur um 1188, also aus seiner Lebenszeit · Vatikanische Apostolische Bibliothek · gemeinfrei
ca. 1122/23–1190

Ein Kaiser mit einem belegten Ende

1189 brach der bereits ältere Herrscher zum Dritten Kreuzzug auf. Am 10. Juni 1190 kam er beim Übergang am Fluss Saleph im damaligen Kilikien ums Leben. Der genaue Ablauf wurde schon in mittelalterlichen Berichten unterschiedlich geschildert; Ort, Datum und Tod auf dem Kreuzzug sind dennoch historisch greifbar.

1152
Wahl zum König
1155
Kaiserkrönung in Rom
1189
Aufbruch zum Dritten Kreuzzug
1190
Tod nahe dem Saleph

Wer die Herrschaftsordnung hinter Königen, Kaisern, Fürsten und Vasallen besser verstehen möchte, findet im Beitrag über das Lehnswesen und die mittelalterliche Herrschaft die nötige Einordnung.

Die überraschende ältere Spur

Der erste Kaiser im Kyffhäuser war wohl Friedrich II.

Die heute vertraute Gleichung „Kyffhäuser gleich Barbarossa“ führt in die Irre, sobald man zu den älteren Quellen zurückgeht. Um 1420 verband der thüringische Chronist Johannes Rothe den Kyffhäuser mit einem Kaiser Friedrich. Seine Bezeichnung als angefeindeter oder ketzerischer Herrscher passt zu Friedrich II., dem Enkel Barbarossas, nicht zum Großvater.

Der zentrale Quellenwechsel

frühe Kyffhäuser-SpurFriedrich II.1194–1250

heute bekannte SagenfigurFriedrich I.ca. 1122–1190

Friedrich II. war schon kurz nach seinem Tod von Prophezeiungen und Gerüchten umgeben. Mehrere Männer traten später als wiedergekehrter Kaiser auf. Die Vorstellung, er sei nicht endgültig verschwunden, sondern werde als Endkaiser zurückkehren, bot einen passenden Boden für die Entrückung in einen Berg.

Überlieferung ist kein Kopiergerät

Wie der Großvater den Enkel in der Sage ersetzte

Ein gedrucktes Volksbuch von 1519 gilt als wichtige Station der Vermischung. Es übertrug Züge, die zu Friedrich II. gehörten, auf Friedrich I. Aus einer einmaligen Verwechslung wurde nicht sofort die fertige Barbarossa-Sage. Doch sie erleichterte, dass sich der Großvater in späteren Jahrhunderten als Kyffhäuserkaiser durchsetzte.

01

Gleicher Name

Zwei staufische Kaiser heißen Friedrich und liegen nur zwei Generationen auseinander.

02

Ähnliche Größe

Beide eignen sich rückblickend als mächtige Herrscher einer vergangenen Reichszeit.

03

Einprägsamer Beiname

„Rotbart“ liefert sofort ein sichtbares Erkennungszeichen für Bart- und Tischmotiv.

04

Neue Bedürfnisse

Spätere Zeiten wählen den Kaiser, der ihre Vorstellung von Einheit und Ordnung am stärksten trägt.

Dieser Figurenwechsel ist kein Makel, den man aus der Geschichte entfernen müsste. Er ist ihr aufschlussreichster Teil. Er zeigt, dass Überlieferung nicht wie eine unveränderte Datei kopiert wird. Erzähler, Schreiber, Drucker, Dichter und politische Akteure wählen neu aus, was zu ihrer Gegenwart passt.

Acht Jahrhunderte auf einen Blick

Wie aus Kaiser, Berg und Hoffnung die Barbarossa-Sage wurde

Die Zeitleiste trennt drei Fragen: Wann lebten die Herrscher? Wann wurde eine Erzählung greifbar? Und wann erhielten reale Orte die Bilder, die heute selbstverständlich wirken? Erst zusammen zeigt sich die lange Entstehung.

  1. 01
    belegt

    Die Burg tritt in die Geschichte

    Die Reichsburg Kyffhausen wird im Zusammenhang mit ihrer Zerstörung erstmals sicher greifbar. Der reale mittelalterliche Ort ist älter als die erhaltene Kyffhäuser-Sage.

  2. 02
    belegt

    Herrschaft Friedrichs I.

    Unter Kaiser Friedrich I. wird die große Reichsburg ausgebaut und vollendet. Ein Aufenthalt Barbarossas auf dieser Burg ist dennoch nicht dokumentiert.

  3. 03
    belegt

    Barbarossa stirbt im Kreuzzug

    Friedrich I. kommt während des Dritten Kreuzzugs beim Übergang am Fluss Saleph in Kilikien ums Leben – weit entfernt vom Kyffhäuser.

  4. 04
    belegt

    Tod und Nachleben Friedrichs II.

    Nach dem Tod von Barbarossas Enkel entstehen Erwartungen an seine Wiederkehr. Falsche Friedriche treten auf und behaupten, der Kaiser sei zurückgekehrt.

  5. 05
    überliefert

    Ein Kaiser Friedrich am Kyffhäuser

    Johannes Rothes Thüringische Weltchronik verbindet den Berg mit einem Kaiser Friedrich. Die Formulierung und der historische Kontext weisen auf Friedrich II., nicht auf seinen Großvater Barbarossa.

  6. 06
    Überlieferungswandel

    Großvater und Enkel geraten ineinander

    Ein verbreitetes deutsches Buch verwechselt Züge Friedrichs II. mit Friedrich I. Die Namensgleichheit erleichtert den Figurenwechsel, der sich in späteren Fassungen festsetzt.

  7. 07
    belegt

    Die Brüder Grimm sammeln die Sage

    In den Deutschen Sagen erscheint „Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser“ mit mehreren Besuchergeschichten, Bartvarianten, Rabenfrage und Wiederkehrshoffnung.

  8. 08
    belegt

    Rückert prägt das Erinnerungsbild

    Friedrich Rückerts Gedicht verdichtet unterirdisches Schloss, Tisch, roten Bart, Boten und Raben zu einer leicht erinnerbaren Folge.

  9. 09
    belegt

    Eine Höhle erhält die Sage

    Eine natürliche Anhydrithöhle wird bei Bergbauarbeiten entdeckt, rasch erschlossen und als Barbarossahöhle mit der längst bekannten Überlieferung verbunden.

  10. 10
    belegt

    Die Sage wird zum Nationaldenkmal

    Das Kyffhäuserdenkmal stellt den erwachenden Barbarossa unter Wilhelm I. Die Architektur deutet die Reichsgründung von 1871 als politische Erfüllung der alten Hoffnung.

Titelblatt des ersten Bandes Deutsche Sagen der Brüder Grimm von 1816
Die Brüder Grimm veröffentlichten den Kyffhäuser-Stoff 1816 im ersten Band der Deutschen Sagen · das Buch ist eine wichtige Verbreitungsstufe, nicht der Ursprung · gemeinfrei

Eine Bildsprache des Wartens

Was bedeuten Bart, Tisch, Raben und der dürre Baum?

Die Motive wirken so geschlossen, dass sie leicht wie ein fester mittelalterlicher Code erscheinen. Tatsächlich verändern sie sich zwischen Fassungen. Sinnvoll ist daher keine universale Symboldeutung, sondern die Frage: Welche Aufgabe erfüllt ein Bild in dieser Geschichte?

01 · Der Schlaf

Verborgen, nicht verloren

Der Kaiser ist der sichtbaren Welt entzogen, aber nicht endgültig verschwunden. Die Sage hält seine Rückkehr denkbar, ohne sie auf ein überprüfbares Datum festzulegen.

Das Motiv ist eine Erzählform, kein Bericht über einen Scheintod.
02 · Der Bart

Zeit wird zu einem Bild

Der wachsende rote Bart identifiziert Friedrich Rotbart und macht die unermessliche Dauer des Wartens körperlich sichtbar. Varianten lassen ihn durch oder um den Tisch wachsen.

Schon die widersprüchlichen Bartwege zeigen, dass Fassungen wechseln.
03 · Der Tisch

Ein Hof im Stillstand

Der steinerne Tisch lässt den kaiserlichen Hof wie eingefroren erscheinen. Herrschaft ist noch vorhanden, bleibt aber unter der Erde ohne Wirkung.

Kein archäologischer Tisch lässt sich als Gegenstand der Sage nachweisen.
04 · Die Raben

Das Zeichen des Aufschubs

Solange die Vögel um den Berg fliegen, ist der Zeitpunkt der Rückkehr nicht erreicht. Die wiederholte Frage verlängert das Warten immer von Neuem.

Raben gehören zu bekannten späteren Fassungen, nicht zu jeder Stufe.
05 · Der dürre Baum

Erneuerung statt Kalender

Wenn der trockene Baum wieder grünt, verbindet die Sage Naturbild und politische Hoffnung. Eine erstarrte Welt soll lebendig werden.

Das Bild kündigt keine historisch berechenbare Prophezeiung an.
06 · Der Besucher

Ein Blick hinter den Fels

Bauer, Hirt oder Pfeifer bezeugen innerhalb der Geschichte, was gewöhnliche Menschen nicht sehen können. Der kurze Besuch bringt die Bergwelt in die erzählte Gegenwart.

Figur, Belohnung und Weg in den Berg unterscheiden sich deutlich.

Bergverbirgt

Bartmisst Zeit

Rabenverschieben

Hoffnungbleibt offen

Der mittelalterliche Ort

Was ist von der Reichsburg Kyffhausen erhalten?

Hoch über der Goldenen Aue lag eine der größten Burganlagen des mittelalterlichen Deutschlands. Die Reichsburg erstreckte sich über ungefähr 600 Meter und gliederte sich in Ober-, Mittel- und Unterburg. Ihre Lage machte königliche Präsenz sichtbar und kontrollierte einen weiten Raum – lange bevor dort ein Nationaldenkmal stand.

Ruine des massiven Barbarossaturms der Reichsburg Kyffhausen auf einer historischen Aufnahme um 1900
Der sogenannte Barbarossaturm der Oberburg um 1900 · die mittelalterliche Ruine ist real, ihr Name beweist keinen Aufenthalt des Kaisers · Library of Congress · gemeinfrei
ca. 600 m

Länge der gesamten Anlage

17 m

erhaltene Höhe des Barbarossaturms

bis 3 m

Stärke seiner Mauern

176 m

Tiefe des Burgbrunnens

Nach der Zerstörung von 1118 wurde die Anlage neu errichtet und unter Friedrich I. ausgebaut beziehungsweise vollendet. Daraus folgt kein dokumentierter Besuch Barbarossas auf der Burg. Eine Bauphase unter einem Herrscher und dessen persönliche Anwesenheit sind zwei verschiedene Behauptungen.

Steinerne Rundbogenruinen der Burgkapelle in der Unterburg Kyffhausen
Kapellenruine in der Unterburg · die Unterburg bewahrt heute besonders anschauliche mittelalterliche Mauerzüge · Foto: Philipp Guttmann, 2016 · CC BY-SA 4.0
Ort lesen

Burg, Denkmal und Sage nicht zu einer Zeit zusammenschieben

Mauern und Brunnen gehören zur mittelalterlichen Reichsburg. Die schlafende Barbarossafigur gehört zur späteren Sage. Turm und Reiterstandbild des heutigen Denkmals gehören ins 19. Jahrhundert. Am selben Ort können verschiedene historische Schichten nebeneinanderstehen.

Den Aufbau mittelalterlicher Burgen verstehen →

Einen größeren Überblick über Funktion, Alltag, Belagerung und Entwicklung solcher Anlagen bietet unser Themenbereich Burgen im Mittelalter.

Ein Naturraum erhält eine alte Geschichte

War die Barbarossahöhle schon immer der Ort der Sage?

Nein. Die heutige Barbarossahöhle wurde am 20. Dezember 1865 bei bergbaulichen Arbeiten entdeckt. Bereits im Januar 1866 begann ein regelmäßiger Schauhöhlenbetrieb. Kurz darauf setzte sich der Name Barbarossahöhle durch, obwohl der Naturraum zuvor unter anderen regionalen Bezeichnungen bekannt gewesen war.

Weite unterirdische Halle der Barbarossahöhle mit geschichteten Anhydritdecken und einem Wasserbecken
Die Barbarossahöhle ist eine natürliche Anhydrithöhle · ihre Verbindung mit dem schlafenden Kaiser entstand erst nach der Entdeckung von 1865 · Foto: Tobias Nordhausen, 2017 · CC BY 2.0
20 · 12 · 1865Entdeckung der HöhleEntstehung der Sage

Tisch und Stuhl in der Schauhöhle machten Rückerts und Grimms Bilder räumlich erlebbar. Das ist ein besonders schönes Beispiel dafür, wie Erinnerungskultur funktioniert: Nicht die Höhle beweist die Erzählung. Die bereits bekannte Erzählung gab der neu erschlossenen Höhle ihren Namen, ihre Ausstattung und ihre Bedeutung.

Die politische Neuinszenierung

Warum sitzen Barbarossa und Wilhelm I. am selben Denkmal?

Das heutige Kyffhäuserdenkmal wurde zwischen 1890 und 1896 nach Plänen Bruno Schmitz’ errichtet. Unten erwacht der in Stein gehauene Barbarossa; darüber steht Wilhelm I. als Reiter. Diese Anordnung ist keine zufällige Kombination zweier berühmter Kaiser. Sie erzählt eine politische Geschichte von Vergangenheit und vermeintlicher Erfüllung.

unten · im Fels

Barbarossa

Der 6,5 Meter große Sagenkaiser verkörpert die lange Erwartung auf Einheit, Ordnung und eine erneuerte Reichsherrschaft.

oben · zu Pferd

Wilhelm I.

Der erste deutsche Kaiser des 1871 gegründeten Reichs wird als historische Antwort auf die alte Erwartung inszeniert.

Das Denkmal behauptet damit sinngemäß: Der ersehnte Kaiser muss nicht mehr zurückkehren, weil das neue Reich bereits entstanden ist. Diese Deutung war im national geprägten späten 19. Jahrhundert wirkungsvoll. Sie ist jedoch weder die einzige mögliche Bedeutung der Sage noch eine neutrale Aussage über das Mittelalter.

1890

Beginn der Bauarbeiten

1892

Grundsteinlegung

1896

feierliche Eröffnung

Vier Ebenen, sauber getrennt

Was ist an der Kyffhäuser-Sage historisch belegt?

„Wahr oder erfunden?“ ist für eine lange Überlieferung zu grob. Burg, Kaiser, Chronik, Höhle und Denkmal sind historisch real. Der Schlaf im Berg ist als Erzählung real überliefert. Ob einzelne Motive einen konkreten mittelalterlichen Vorgang bewahren, ist eine andere und meist nicht entscheidbare Frage.

Historisch belegt

  • Friedrich I. starb 1190 während des Dritten Kreuzzugs in Kleinasien.
  • Die Reichsburg bestand im Mittelalter und wurde unter seiner Herrschaft vollendet.
  • Johannes Rothe verband den Kyffhäuser im 15. Jahrhundert mit einem Kaiser Friedrich.
  • Grimm 1816, Rückert 1817, Höhlenerschließung ab 1865 und Denkmalbau 1890 bis 1896 sind datierbar.

Als Sage überliefert

  • Der Kaiser schläft mit seinem Hof in einem unterirdischen Schloss.
  • Sein roter Bart wächst durch oder um einen steinernen Tisch.
  • Die Raben zeigen an, dass der Zeitpunkt der Rückkehr noch nicht gekommen ist.
  • Ein Besucher sieht die verborgene Welt und bringt ihre Botschaft nach außen.

Plausibel rekonstruiert

  • Die ältere Kyffhäuserfigur war Friedrich II.; später wurde sie durch Friedrich I. ersetzt.
  • Namensgleichheit, dynastische Nähe und Barbarossas einprägsamer Beiname erleichterten den Wechsel.
  • Die Sage bündelte wechselnde Hoffnungen auf gerechte, erneuerte Herrschaft.
  • Literatur, Tourismus und Politik machten bestimmte Motive sichtbarer als andere.

Unbelegt oder falsch

  • Barbarossa habe nachweislich auf der Burg Kyffhausen residiert.
  • Die heutige Barbarossahöhle sei bereits der mittelalterliche Schauplatz gewesen.
  • Das Denkmal zeige eine historische Begegnung von Barbarossa und Wilhelm I.
  • Eine reale Rückkehr des Kaisers lasse sich aus Raben oder Baum vorhersagen.

Dieselbe Methode hilft auch beimRattenfänger von Hameln: Zuerst werden Quellen datiert und Varianten getrennt, erst danach beginnt die historische Deutung.

Beliebte Behauptungen geprüft

Acht Irrtümer über Barbarossa und den Kyffhäuser

Irrtum 01

Barbarossa schläft wirklich im Kyffhäuser.

Sage

Der historische Friedrich I. kam 1190 während des Dritten Kreuzzugs in Kleinasien ums Leben. Der Schlaf im Berg ist die erzählerische Form seines Nachlebens.

Irrtum 02

Schon die älteste Kyffhäuser-Fassung meint Friedrich I.

Sehr wahrscheinlich falsch

Die frühe Überlieferung bei Johannes Rothe bezieht sich auf Friedrich II. Erst später trat sein Großvater Barbarossa an diese Stelle.

Irrtum 03

Die Brüder Grimm erfanden Bart und Raben.

Nein

Sie veröffentlichten 1816 eine redigierte Sammlung vorhandener Varianten. Ihre Fassung wurde prägend, war aber nicht der Anfang der Überlieferung.

Irrtum 04

Rückerts Gedicht ist der Ursprung der Sage.

Nein

Das Gedicht von 1817 machte die wichtigsten Bilder besonders einprägsam. Die Kyffhäuser-Tradition und eine gedruckte Grimm-Fassung waren bereits vorhanden.

Irrtum 05

Barbarossa lebte nachweislich auf der Reichsburg.

Nicht belegt

Die Anlage wurde unter seiner Herrschaft vollendet. Ein persönlicher Aufenthalt Friedrichs I. auf der Burg ist jedoch nicht dokumentiert.

Irrtum 06

Die Barbarossahöhle beweist die alte Sage.

Falsch

Die Höhle wurde erst 1865 entdeckt. Name, Tisch und Stuhl übertrugen danach eine bereits berühmte Sage auf den neu erschlossenen Ort.

Irrtum 07

Das Kyffhäuserdenkmal ist mittelalterlich.

Falsch

Es entstand von 1890 bis 1896. Die Anlage gehört zur nationalen Erinnerungskultur des Deutschen Kaiserreichs.

Irrtum 08

Wilhelm I. erfüllte die Prophezeiung objektiv.

Politische Deutung

Das Denkmal stellt Reichsgründung und Kaiser Wilhelm I. als Erfüllung einer alten Hoffnung dar. Das ist eine Botschaft des 19. Jahrhunderts, kein neutraler Sinn der Sage.

In acht Sätzen

Das Wichtigste zur Barbarossa-Sage

  1. 01

    Bekannte Sage: Barbarossa schläft im Kyffhäuser, sein Bart wächst am Tisch und Raben verzögern seine Rückkehr.

  2. 02

    Historischer Kaiser: Friedrich I. starb 1190 während des Dritten Kreuzzugs in Kleinasien.

  3. 03

    Ältere Figur: Die früheste greifbare Kyffhäuser-Überlieferung bezog sich wahrscheinlich auf Friedrich II.

  4. 04

    Figurenwechsel: Seit dem frühen 16. Jahrhundert gingen Züge von Enkel und Großvater zunehmend ineinander über.

  5. 05

    Grimm und Rückert: Die Texte von 1816 und 1817 verbreiteten und verdichteten eine bereits ältere Sage.

  6. 06

    Reichsburg: Sie ist mittelalterlich und wurde unter Barbarossa vollendet; sein Aufenthalt dort ist nicht belegt.

  7. 07

    Höhle: Die 1865 entdeckte Barbarossahöhle wurde erst nachträglich mit der Sage verbunden.

  8. 08

    Denkmal: Der Bau von 1890 bis 1896 deutete Barbarossa politisch als Vorläufer des Kaiserreichs.

Für den größeren zeitlichen Rahmen – von Früh-, Hoch- und Spätmittelalter bis zu späteren Mittelalterbildern – führt der Weg weiter zu Mittelalter einfach erklärt.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen zu Barbarossa im Kyffhäuser

Was erzählt die Kyffhäuser-Sage?

Sie erzählt, dass Kaiser Friedrich Barbarossa tief im Kyffhäuser an einem steinernen Tisch schläft. Sein Bart wächst, während draußen Raben kreisen. Erst zur rechten Zeit soll er erwachen und zurückkehren.

Warum schläft Barbarossa im Kyffhäuser?

Der Schlaf verwandelt den Tod des Kaisers in eine offene Wiederkehrshoffnung. Barbarossa ist der Welt entzogen, aber in der Sage nicht endgültig verloren. So konnte sein Erwachen mit der Erwartung einer besseren Ordnung verbunden werden.

Ist die Barbarossa-Sage wahr?

Der Kaiser, die Reichsburg und der Kyffhäuser sind historisch real. Friedrich I. starb jedoch 1190 in Kleinasien. Schlaf, Bart, Raben und Rückkehr gehören zur überlieferten Sage, nicht zu einem historischen Tatsachenbericht.

Wer war zuerst im Kyffhäuser: Friedrich I. oder Friedrich II.?

Die früheste greifbare Kyffhäuser-Überlieferung bei Johannes Rothe um 1420 bezog sich wahrscheinlich auf Friedrich II. Erst später setzte sich sein Großvater Friedrich I. Barbarossa als Sagenkaiser durch.

Was bedeuten die Raben in der Barbarossa-Sage?

In bekannten Fassungen zeigen die Raben an, dass die Zeit der Rückkehr noch nicht gekommen ist. Solange sie den Berg umkreisen, schläft der Kaiser weiter. Das ist ein Erzählmotiv, keine überprüfbare Vorhersage.

Warum wächst Barbarossas Bart durch den Tisch?

Der lange Bart macht die gewaltige Dauer des Schlafs sichtbar und passt zum Beinamen Rotbart. Je nach Fassung wächst er durch die Tischplatte oder um den Tisch, was den Variantencharakter der Sage zeigt.

Haben die Brüder Grimm die Kyffhäuser-Sage erfunden?

Nein. Sie veröffentlichten 1816 eine wichtige redigierte Fassung in den Deutschen Sagen. Eine Verbindung von Kaiser Friedrich und Kyffhäuser ist bereits ungefähr vier Jahrhunderte früher greifbar.

Was hat Friedrich Rückert mit Barbarossa zu tun?

Sein Gedicht „Barbarossa“ von 1817 verdichtete die Motive von unterirdischem Schloss, Tisch, rotem Bart, Boten und Raben. Dadurch wurde genau diese Bildfolge besonders bekannt.

War Barbarossa wirklich auf der Burg Kyffhausen?

Die Reichsburg wurde unter seiner Herrschaft ausgebaut und vollendet. Ein persönlicher Aufenthalt Friedrichs I. auf der Burg ist nach der offiziellen Burgeinordnung jedoch nicht dokumentiert.

Ist die Barbarossahöhle mittelalterlich bekannt gewesen?

Die natürliche Höhle ist sehr alt, wurde aber erst 1865 bei bergbaulichen Arbeiten entdeckt und ab 1866 als Schauhöhle erschlossen. Ihre Verbindung mit der Sage entstand deshalb nachträglich.

Wann wurde das Kyffhäuserdenkmal gebaut?

Das Denkmal entstand von 1890 bis 1896 und wurde am 18. Juni 1896 eröffnet. Es ist ein Bau des Deutschen Kaiserreichs, kein mittelalterliches Denkmal.

Warum zeigt das Denkmal Barbarossa und Wilhelm I.?

Die Gestaltung deutet Wilhelm I. und das 1871 gegründete Reich als Erfüllung der lange erwarteten Reichseinheit. Barbarossa erscheint darunter als erwachende Vergangenheit. Diese Verbindung ist eine politische Aussage des 19. Jahrhunderts.

Quellen & Literatur

Worauf dieser Artikel beruht.

  1. Deutsche Biographie: Friedrich I. BarbarossaBiografische Eckdaten, Herrschaft und Tod am 10. Juni 1190 während des Dritten Kreuzzugs.
  2. Deutsche Biographie: Friedrich II.Nachleben des Kaisers, Wiederkehrserwartung, falsche Friedriche und Übertragung der Kyffhäuser-Sage auf Friedrich I.
  3. Bayerische Akademie der Wissenschaften: Thüringische WeltchronikWerkbeschreibung und Datierung der Chronik Johannes Rothes in die Zeit um 1420.
  4. Kyffhäuser-Denkmal: Die BarbarossasageOffizielle Einordnung der Sage, ihrer Hoffnung auf gerechte Ordnung und ihrer nationalen Bedeutung im 19. Jahrhundert.
  5. Kyffhäuser-Denkmal: Reichsburg KyffhausenBaugeschichte, Ausmaße, erhaltene Teile und der nicht dokumentierte Aufenthalt Barbarossas.
  6. Kyffhäuser-Denkmal: ZeittafelChronologie von Burg, Denkmalplanung, Bau und Eröffnung.
  7. Kyffhäuser-Denkmal: InformationsflyerMaße der Burg, Bauphasen des Denkmals und Angaben zur Barbarossafigur.
  8. Barbarossahöhle: Entdeckung und ErschließungEntdeckung 1865, Beginn des Schauhöhlenbetriebs und Übertragung des Sagennamens.
  9. Deutsches Historisches Museum: Deutsche MythenPolitische Verwendung der Barbarossa-Erwartung und ihre Verbindung mit der Reichsgründung.
  10. Brüder Grimm: Friedrich Rotbart auf dem KyffhäuserDigitale Ausgabe der Sage aus dem ersten Band der Deutschen Sagen von 1816.
  11. Friedrich Rückert: BarbarossaDigitale Ausgabe des 1817 veröffentlichten Gedichts.
  12. Kyffhäuserdenkmal um 1900Historischer Photochromdruck der Library of Congress; als WebP optimiert; gemeinfrei.
  13. Barbarossafigur am KyffhäuserdenkmalPhotochromdruck um 1890–1900 der Library of Congress; als WebP optimiert; gemeinfrei.
  14. Friedrich I. als KreuzfahrerMiniatur in einer vatikanischen Handschrift um 1188; als WebP optimiert; gemeinfrei.
  15. Reichsburg Kyffhausen um 1900Historischer Photochromdruck der Library of Congress; als WebP optimiert; gemeinfrei.
  16. Philipp Guttmann: Kapellenruine der UnterburgFotografie von 2016; als WebP optimiert; CC BY-SA 4.0.
  17. Tobias Nordhausen: BarbarossahöhleFotografie von 2017; als WebP optimiert; CC BY 2.0.

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